Alle Jahre wieder ...

Alle Jahre wieder ...
kommt nicht nur das Christuskind, wie wir es in einem alten Weihnachtslied besingen. Alle Jahre wieder wird – meist in der Vorweihnachtszeit – auch darüber diskutiert, ob und wann Geschäfte am Sonntag öffnen dürfen.

In diesem Jahr beginnt diese Diskussion schon Anfang November. Denn in Neuss und vielen umliegenden Städten (z.B. Düsseldorf und Köln) dürfen am Sonntag, den 2. November – Allerseelen – die Läden in den Innenstädten für fünf Stunden öffnen.

Für katholische Christen ist der 2. November der Tag des Gedenkens an die Verstorbenen. Er steht im Kontext diverser Gedenktage im Laufe des Novembers: der Volkstrauertag (als staatlicher Gedenktag) und der Totensonntag (als evangelischer Gedenktag) folgen. Viele – und bei weitem nicht nur regelmäßige Kirchgänger – nutzen diesen Feiertag zu einem Friedhofsgang und gedenken ihrer toten Angehörigen, Freunde und Bekannten. Da der 2. November in aller Regel kein arbeitsfreier Tag ist, wurde der Brauch des Gräberbesuchens vielfach auf den Vortag, den 1. November (Allerheiligen) verlegt. In diesem Jahr hätten Katholiken die gute Möglichkeit, den 2. November mit der gebührenden Achtung zu begehen, da er auf einen Sonntag fällt und somit arbeitsfrei ist.

Doch der Neusser Stadtrat sowie der Hauptausschuss gestatten den Händlern die Öffnung ihrer Läden. Ursprünglich war einmal der 9. November dafür vorgesehen, doch es überwogen schließlich „die Vorbehalte gegen die Durchführung eines verkaufsoffenen Sonntages am 09.11.2008. Der 9. November ist der Erinnerungstag an die Zerstörung jüdischer Synagogen und die Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger“, so die offizielle Stellungnahme der Stadtverwaltung. Vor diesem Hintergrund wurde der Allerseelentag ausgewählt. Weder der Bürgermeister noch einer der Politiker noch Thomas Toll, Vorsitzender des City Treff Neuss e.V., der den Antrag stellte, kamen auf den Gedanken, dass sich vielleicht katholische Christen in der Erinnerung an die Verstorbenen gestört oder behindert fühlen könnten.

„Sind wir katholische Christen mittlerweile so wenige in Neuss, dass niemand protestiert hat, als der verkaufsoffene Sonntag beantragt und genehmigt wurde? Oder kennen wir katholischen Christen unsere eigenen Gedenktage nicht mehr oder ist er uns egal?“ fragt Oberpfarrer Msgr. Guido Assmann. Gegen die Gesetzeslage könnten Gläubige nichts tun, ob katholische Christen aber am Sonntag einkaufen gehen, liege in der Freiheit eines jeden Einzelnen. „Verkaufsoffene Sonntage wird es nur geben, wenn sich der Umsatz lohnt. Wenn aber keiner einkaufen würde, gäbe es auch keine Unterbrechung der Sonntagsruhe.“


Kommentar: Nur Schmuck und Zierde?!


Neuss und seine Politiker berufen sich gerne auf die christliche Prägung unserer Stadt. Wenn es darum geht, die Kirchen und ihre Einrichtungen in das öffentliche Leben einzubinden oder (finanziell) zu unterstützen, ziehen Politiker – nahezu aller Couleur – an einem Strang.

Doch all das erscheint in einem anderen Licht, wenn man sieht, wie eiskalt mit dem Allerseelenfest ein katholischer Feiertag dem Kommerz geopfert wird. Kommt es zum Schwur, das heißt zur konkreten Abwägung zwischen kirchlichen und wirtschaftlichen Interessen, dann ist es um die Unterstützung für praktizierende Christen schlecht bestellt. Man fragt sich, ob die Christlichkeit der Stadtväter nur Schmuck und Zierde ist, vielleicht mehr dem Selbstdarstellungsbedürfnis als der eigenen Überzeugung geschuldet ist.

Oder ist es um die Neusser Politik etwa so schlimm bestellt, dass keiner der Stadtverordneten des Hauptausschusses weiß, wann Allerseelen ist und welche Bedeutung dieser Feiertag hat?

Thomas Kaumanns