Anni Müller ist Frau des Jahres

Das Reaktorunglück von Tschernobyl ereignete sich 1986. Es schreckte viele Menschen auf – inzwischen scheint es ein Stück Geschichte zu sein. Doch für Anni Müller aus Büttgen hat das Thema immer noch tägliche Präsenz. Sie ist der Motor der örtlichen Tschernobyl Hilfe e.V. und kümmert sich bis heute darum, dass die Menschen in den betroffenen Gebieten verlässlich Hilfe bekommen.
 
Einmal im Monat schickt sie Pakete voller Lebensmittel und Kleidung, Spielzeug und Medikamente auf den Weg nach Brest, wo ihr weißrussischer Partner die Spenden entgegennimmt und sie direkt an Familien, Heime und Krankenhäuser verteilt. Wie viele Pakete Anni Müller in 22 Jahren gepackt hat, ist wohl kaum nachzurechnen. Fest steht aber, dass sie vielen tausend Menschen Trost, Hilfe und eine Stück Lebensperspektive gegeben hat.
 
Die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, Stadtverband Neuss-Kaarst, hat Anni Müller deshalb zur „Frau des Jahres 2013“ gewählt. Die Ehrung in Form eines Geldbetrages nahm sie am Mittwoch der vergangenen Woche im Rahmen einer Feierstunde im Atrium des Kaarster Rathauses entgegen.
 
Anni Müller ist in Büttgen geboren und hat ihr ganzes Leben rund um den Kirchturm von St. Aldegundis verbracht. Ihr Weg zur Tschernobyl Hilfe führte über einen ganz persönlichen Zugang: Sie und ihr Mann nahmen damals ein Ferienkind aus der Region auf, ermöglichten dem Mädchen unbeschwerte Ferien und brachten der Kleinen die deutsche Sprache bei. Der Kontakt erstreckte sich bald in die Familie hinein und hält bis heute – Frau Müller ist längst Patentante der Tochter ihres Ferienkindes von einst. 1991 schloss sich die beherzte Christin der Tschernobyl-Hilfe Kaarst-Korschenbroich an, 1998 entstand die eigene Gruppe in Büttgen.
 
Ohne Sorge um die eigene Gesundheit ist Anni Müller auf Antrag und eigene Gefahr in die verstrahlten Gebiete gereist und hat über die Jahre viele Hilfskonvois begleitet. Unermüdlich hat sie die Werbetrommel gerührt und Klinken geputzt, Lagerräume und Transportmöglichkeiten gefunden und Unternehmen gewonnen, die große Geld- und Sachspenden beisteuerten. Basare und Märkte im  Rhein-Kreis Neuss hat sie bestückt, um hier weißrussische Waren von Bernstein bis Leinen zu verkaufen und darüber die Wirtschaft in den Hilfsgebieten anzukurbeln.
 
Sie ist sich sicher, dass Hilfe nach wie vor dringend nötig ist: „Die wirtschaftliche und gesundheitliche Not ist immer noch groß und wird es noch lange bleiben“, weiß Anni Müller. Krebserkrankungen, Leukämie, Erbgutschäden in der zweiten Generation prägen die Regionen, die damals radioaktiv verseucht wurden. Physische und psychische Spätfolgen machen den Menschen zu schaffen.
 
Anni Müller will sich im Mai zum letzten Mal selbst auf den Weg nach Weißrussland machen. Mit über 70 Jahren muss sie auf die eigene Gesundheit Rücksicht nehmen. „Ich merke, dass ich nicht mehr so dir Kraft habe“, sagt sie bedauernd. Aber sie hofft, dass ihr Lebenswerk fortgesetzt wird, wenn sie sich selbst zurückzieht, denn „die Menschen dort brauchen uns.“