Bürokratie-Posse um barrierefreien Kircheneingang

Bürokratie-Posse um barrierefreien Kircheneingang
Viele Kirchen stammen aus einer Zeit, in der „Barrierefreiheit“ noch ein Fremdwort war. Oft führen Treppenstufen zum Eingang – für körperbehinderte eine nicht oder nur schwer überwindbare Barriere. Bauliche Veränderungen sind zwar meist möglich, aber im deutschen Bürokratiedschungel ein schwieriges Unterfangen.

Die Kirchen in der Neusser Innenstadt sind alle mindestens 100 Jahre alt und dementsprechend wenig behindertenfreundlich: Die Neusser Marienkirche hat zwar einen ebenerdigen Zugang, doch müssen auf engstem Raum drei Türen überwunden werden – für Rollstuhlfahrer fast unmöglich. „Eine Verhöhnung!“ schimpft ein Betroffener. Zudem klagen Gemeindemitglieder darüber, dass kein ebenerdig erreichbares WC vorhanden ist. Die Klosterkirche St. Sebastian ist nur über die Stufen am Portal erreichbar; der behindertengerechte Zugang zur Dreikönigenkirche entfiel vorübergehend mit dem Abriss des alten Pfarrzentrums.

Doch die Verantwortlichen in der Pfarreiengemeinschaft Neuss-Mitte handeln: Der Kirchenvorstand der Dreikönigengemeinde möchte nicht bis zur Fertigstellung des neuen Pfarrzentrums warten und hat die Aufträge vergeben, an der Seite zur Dreikönigenstraße einen ebenerdigen Zugang in die Kirche zu ermöglichen. Auch an der Kirche St. Sebastian soll eine Rampe gebaut werden. „Unser Ziel ist es, dass alle Kirchen auch von Rollstuhlfahrern problemlos besucht werden können“, sagt Oberpfarrer Msgr. Guido Assmann. Für beide Maßnahmen investiere man insgesamt einen fünfstelligen Betrag, das liege nicht zuletzt an hohen Sicherheitsauflagen.

Anfang Februar aber – die Aufträge für die Arbeiten an der Dreikönigenkirche waren bereits erteilt – kam alles ins Stocken. Laut Msgr. Assmann stoppte die Denkmalbehörde das Projekt. Ein Schritt, für den weder die Gemeindemitglieder noch die Öffentlichkeit Verständnis haben: „Es ist erschütternd, wie beschränkt mit Interessen von gehinderten Menschen umgegangen wird“, schreibt ein Leser der Facebookseite von katholisch-im-rhein-kreis-neuss.de. Ein anderer User wird deutlicher: „Da sitzen wohl keine Behinderten in der Denkmalbehörde. Das ist ja wohl einfach abartig.“

„Die Untere Denkmalbehörde hat kein Projekt gestoppt“, erklärt hingegen Andreas Galland, Leiter des Referates für Denkmalschutz bei der Stadt Neuss. Vielmehr lägen der Stadtverwaltung zwei unterschiedliche Anträge vor und man müsse erst klären, welcher Antrag weiterverfolgt werden solle. Das wiederum kann sich der Neusser Oberpfarrer nicht erklären. Zwar sei schon länger ein barrierefreier Zugang am künftigen Pfarrheim geplant und jetzt einer an der Straßenseite der Kirche, aber dass dies jetzt zwei – sich gegenseitig ausschließende – Anträge seien, mag er nicht verstehen. Das Anliegen will Assmann auch nicht so einfach aufgeben. Kommt es jetzt zu einem Kleinkrieg zwischen Kirche und Stadt? Wird die Dreikönigenkirche Schauplatz einer Bürokratie-Posse?

Noch im Februar soll es einen Ortstermin geben. „Ich bin sehr guter Dinge, dass bei diesem Termin eine Lösung aufgezeigt werden kann, welche sowohl dem berechtigen Interesse an der Barrierefreiheit des Kirchenzugangs als auch den Belangen des Denkmalschutzes Rechnung trägt“, äußert sich Denkmalschützer Galland.

Im Sinne der behinderten Christen ist zu wünschen, dass dies gelingt. Bis dahin bleibt Msgr. Assmann nur die Bitte an die Kirchenbesucher, bei Bedarf älteren oder kranken Mitchristen zu helfen.

Foto: Elke Wetzig