Ein echter Mann in Schwarz

Michael Mohr ist seit Ende Mai katholischer Priester — und in seiner Heimat im Bergischen Land seit vielen Jahren als „Mann in Schwarz“ in Sachen Fußball bekannt. Am letzten Sonntag verband der 33-Jährige bei der feierlichen Nachprimiz seine beiden großen Leidenschaften: Passend zur Fußball-EM feierte er den Gottesdienst mitten auf dem Fußballplatz des VfR Marienfeld. Pfarrer und Schiedsrichter — für Michael Mohr passt das gut zusammen.

Schon mit 15, als fußballbegeisterter Messdiener, streifte er erstmals das Trikot des Unparteiischen über. Als der Verein Jungschiedsrichter suchte, habe er sich „breitschlagen lassen“. Er sei dann dabei geblieben, weil er irgendwann erkannt hatte: „Ich pfeife besser als ich spiele.“ Gleichzeitig setzte sich Mohr als Trainer für die Jugend ein und bemühte sich dabei auf seine Weise um besondere Werte auf dem Fußballplatz. So sollten seine Jungs beispielsweise „eine fäkalfreie Sprache“ pflegen. Als Moralapostel will er trotzdem nicht auf dem Platz stehen. Denn „starke Sprüche gehören nun mal zum Fußball“. Und wer muss sich mehr davon anhören als ein Schiedsrichter?

Doch mitten im Leben zu stehen, dem Fußballvolk aufs Maul zu schauen — das schade ihm auch als Priester nicht, findet er. Mohr mag den Doppelpass zwischen Kicken und Kirche, schließlich sieht er einige Parallelen: In gewisser Weise sei er sowohl am Altar wie auf dem Rasen der Spielleiter, und es gebe hier wie dort gewisse Spielregeln, an die man sich halten müsse. Ein großer Unterschied: „Ich werde in der Messe grundsätzlich keinen vom Platz stellen“, sagt er lachend.

Am Altar kommt er ohne Gelbe und Rote Karte aus. Dafür hängt er auf dem Fußballplatz den Priesterberuf nicht an die große Glocke. Die meisten Spieler wissen gar nicht, dass ihr Schiedsrichter auch Pfarrer ist. Und diejenigen, die es wissen, störe es nicht. „Mich hat deswegen noch keiner übermäßig um Gnade angebettelt“, erzählt Mohr.

Und wie sehen das die Spieler, die er nach seiner Pfeife tanzen lässt? Kicker Benedikt Kenfenheuer schätzt Mohrs natürliche Autorität, die jeden Ärger im Keim ersticke. „Er schafft es einfach, über 90 Minuten ein Spiel unter Kontrolle zu halten. Da spielt es keine Rolle, ob er jetzt Finanzbeamter ist oder Priester.“ Mohr war tatsächlich bis 2001 beim Finanzamt in Siegburg beschäftigt, bis in ihm der Wunsch reifte, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Michael Mohrs Sonntage könnten in Zukunft stressig werden — schließlich ist der typische Fußballtag auch sein wichtigster Arbeitstag in der Woche. Und da ist er momentan als Seelsorger in der Neusser Gemeinde Hl. Dreikönige gefragt. Regelmäßig sonntags in seiner alten Heimat zu pfeifen, ist nun nicht mehr drin. Dennoch möchte Mohr Beruf und Hobby zwischen Kanzel und Rasenplatz weiterhin möglichst oft unter einen Hut bringen.

Und dass der ehemalige Finanzbeamte dabei besonders gewissenhaft ist, darauf können alle Beteiligten zählen. Unfehlbar ist Michael Mohr zwar auch durch die Priesterweihe nicht. Beichten musste er eine Fehlentscheidung aber noch nie. Schließlich handele er auch auf dem Platz immer nur nach bestem Wissen und Gewissen, sagt er. Trotzdem hat Mohr kein Problem damit, sich auch mal für einen falschen Pfiff zu entschuldigen. An einem schlechten Tag habe er durchaus schon einmal Abbitte bei den Mannschaften geleistet. Dann sei er sich auch nicht zu schade dafür zu sagen, „tja, das war jetzt nicht gerade die Spitzenleistung heute“.

Wer aber im Spiel auf priesterliche Milde hofft, kann schon mal Pech haben. Für seine 22 Schäfchen auf dem grünen Rasen ist Michael Mohr ein strenger Hirte. Denn auf dem Fußballplatz geht es für ihn nicht um Gnade vor Recht, sondern darum, dass ein Spiel geordnet abläuft und die Spieler sich an die Regeln halten. Gnade besteht für Mohr allenfalls darin, „mit dem vom Platz Gestellten hinterher noch ein Bier zu trinken“, wie er schmunzelnd bemerkt.

GOTTFRIED BOHL