Von Nadine Otto

Gefangen in der Monotonie der Unglücklichen

EHRENAMT Margret Kerschbaumer kümmert sich seit zwölf Jahren um Frauen in Abschiebehaft. Gestern zeichnete der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln ihr Engagement aus.

Erst knackt es, dann surrt es und wie von Zauberhand gleitet die grüne Eisentür zurück. Kaum ist Margret Kerschbaumer in den Hof hinter den hohen Backsteinmauern getreten, fällt das Tor wieder ins Schloss. Zwei weitere Pforten durchschreitet sie auf diese Weise, dann ist sie drinnen, in der Frauenabschiebehaftanstalt Neuss, der einzigen in NRW. Einen Ausweis muss die 62-Jährige nicht vorzeigen. "Inzwischen kennen sie mich hier", erklärt sie. Seit zwölf Jahren ist die Frau vom Stadtdekanat Neuss regelmäßig Gast in der Haftanstalt an der Grünstraße.
Bis zu 80 Frauen sitzen in Neuss ein, warten auf ihre Abschiebung. "Die Bedingungen sind denen eines Gefängnisses gleich, obwohl die Frauen nichts getan haben, außer illegal über die Grenze gekommen zu sein", sagt Kerschbaumer. Daher schenke sie Trost, stehe ihnen in der äußerst schwierigen Zeit bei. 1994 initiierte die engagierte Frau den Arbeitskreis "Frauenabschiebehaft Neuss" im Stadtdekanat Neuss, der heute ein Sachausschuss ist. Alle am Projekt Beteiligten haben vor allem ein Ziel: Sie wollen den Frauen Mut machen, dass ihr Leben weitergeht. Gestern nahm Margret Kerschbaumer stellvertretend für ihre Mitstreiter in Köln den mit 2 500 Euro dotierten Anton-Roesen-Preis in Empfang. Damit zeichnet der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln "herausragende Leistungen katholischer Christen auf dem Gebiet des kirchlich-sozialen Engagements" aus.

"Frau Kerschbaumer, ich habe da ein Päckchen für sie", begrüßt ein Justizbeamter die couragierte Frau. Das Päckchen erweist sich als stattliches Paket - prall gefüllt mit weißen T-Shirts, Farbstiften, Seidentüchern und Kissenhüllen. Kerschbaumers Arbeitsmaterialien. Gekauft vom Geld auf dem Spendenkonto, das die Meerbuscher Rotarier und das Landesinnenministerium aufstocken. Der vertraute Besuch ist auch bei den Insassinnen nicht unbemerkt geblieben. Und so arbeitet, während Margret Kerschbaumer ihre Utensilien - darunter auch zwei Säcke Wolle und ein Beutel süßer Leckereien - sortiert, der Flurfunk.
"Ich wär' dann so weit. Lasst Ihr mich bitte hinein." Wieder surrt die Zauberhand, die blaue Gittertür öffnet sich, Margret Kerschbaumer tritt ein in die Lebenswelt der Insassinnen. Diese scheinen auf die gebürtige Österreicherin gewartet zu haben. Mit freudigem "Hello", "Salut" und "Guten Tag" eilen einige herbei, umarmen sie, nehmen ihr die Tüten ab und geleiten sie hinauf zum Aufenthaltsraum im vierten Stock. Dort warten bereits ein paar Frauen, weitere kommen nach - die Plätze um den großen Tisch sind schnell besetzt. "Für alle, die mich noch nicht kennen, mein Name ist Margret", grüßt sie die Runde. Die Bastelstunde beginnt.
"Jede Frau in der Abschiebehaft verkörpert ein Schicksal", erklärt Margret Kerschbaumer. Sie alle eint die Perspektivlosigkeit in ihrem Heimatland. Einige kommen nur mit einem Besuchervisum, um kurzfristig Geld für einen Neuanfang in der Heimat zu verdienen. Andere glauben den verlockenden Versprechungen vom schnellen Geldverdienen in Deutschland, werden Opfer von Menschenhändlern und finden sich oftmals - ohne Ausweispapiere - in Bordellen wieder. Können die Frauen sich dann bei Polizeikontrollen nicht ausweisen, landen sie in der Abschiebehaft, warten auf ihre Abschiebung.

"Die Bastelstunden sollen die Frauen von ihren Sorgen ablenken", sagt Kerschbaumer. Die Frauen vertrauen ihr, öffnen sich der 62-Jährigen. Natascha etwa sitzt seit fünfeinhalb Monaten in Neuss ein. "Ich war vier Tage in Deutschland, dann wurde ich im Bus kontrolliert und landete hier im Knast", sagt die junge Moldawierin. Während Natascha munter mit ihrer "Zellengenossin" plaudert, ist die Philippinin ihr gegenüber ganz still. "Morgen fahre ich nach Hause", erklärt sie. Margret Kerschbaumer legt den Arm um sie. Und eine Weile sitzen die beiden Frauen einfach nur still da.

"Ich bin seit November hier", sagt Irina, die mit einer Türkin und einer Ukrainerin in einer Viererzelle lebt. Im Februar geht es für sie zurück nach Tschetschenien. Ihr "Zuhause" gibt es dort allerdings nicht mehr. "Es war Krieg", erklärt sie, warum sie vor viereinhalb Jahren nach Deutschland gekommen ist. Wie empfindet sie die Zeit in Abschiebehaft? "Am Anfang war es schrecklich." Mittlerweile nutze sie die Wartezeit zum Nachdenken, über die Vergangenheit, die Zukunft und ihr Leben im Allgemeinen. "Vielleicht fange ich noch einmal ein ganz neues Leben an", hofft Irina. "Es wird besser in Russland."

Nach einer Stunde ist es deutlich ruhiger geworden im Aufenthaltsraum. Die ersten Frauen haben ihre T-Shirts bemalt, sind in ihre Zellen gegangen. Eine junge Marokkanerin sitzt bewegungslos da, spricht kaum, wirkt abwesend. "In ihren Augen können Sie lesen, was sie erlebt hat", sagt Kerschbaumer und setzt sich neben die Frau mit den schwarzen langen Haaren.

"Das spektakulärste an der Arbeit ist eigentlich die Monotonie der Unglücklichen", erklärt Kerschbaumer. Mehr als 9 000 Frauen hat sie kommen und gehen sehen. "Und alle suchen sie ihr Leben zu verbessern. Allzu viele scheitern in ihren Bemühungen, hier den Grundstein für ein besseres Leben zu Hause zu finden." Oft stößt sie mit ihrem ehrenamtlichen Engagement auf Unverständnis. "Niemand darf diese Frauen schuldig sprechen oder verurteilen", hält Kerschbaumer entgegen. Sie handelten aus Not heraus und verdienten Mitgefühl und Mitleid.
Nach gut zwei Stunden packt Margret Kerschbaumer ihre Sachen wieder zusammen. Mirinda hilft. Am nächsten Tag geht es für die Rumänin zurück zu ihren Kindern. Als sie sich von Margret Kerschbaumer verabschiedet, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. "Sie schaffen das", versichert Kerschbaumer, drückt Mirinda und bittet sie zu schreiben, falls sie ihr irgendwie helfen könne. Mirinda dankt und geht mit den Worten: "Sie sind eine gute Frau.