Geistreich – Gedanken zur Zukunft von Kirche vor Ort

Geistreich – Gedanken zur Zukunft von Kirche vor Ort
Im täglichen Sprachgebrauch ist „Geistreich“ ein eher seltener Begriff, allerdings steht dieses Wort für viele Bedeutungen. Worte wie ideenreich, klug, begabt, kreativ, talentiert, originell, erfinderisch, einfallsreich, vielfältig und schöpferisch bringen unter anderem zum Ausdruck, was unter „geistreich“ zu verstehen ist.
 
Das Internetportal der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) zur Verkündigung des christliche Glaubens, hier vorwiegend evangelischer Lehrinhalte, trägt den Titel Geistreich“. (www.EKD.de). Ein interessanter Hinweis auf die inhaltliche Tiefe dieses Wortes.
 
„Geistreich“, was bedeutet dieser Anspruch im Leben unserer katholischen Kirche?
  • „Papst Franziskus fordert, dass „Barmherzigkeit“ im Leben der Kirche und der Christen, im von ihm ausgerufenen „Heiligen Jahr“ gelebt und erfahrbar wird. In Predigten zum diesjährigen Osterfest wurde die Vielfalt dieses Anspruchs dargelegt.
  • In der Erzdiözese Köln weist Kardinal Woelki in seinem Fastenhirtenbrief 2016 auf zwingende Veränderung in unserem Bistum hin. Der Kardinal möchte gemeinsam mit uns „eine Zukunftsvision von Kirche entwickeln, die in unseren Realitäten vor Ort geerdet ist.“
  • Was bedeutet „Geistreich“ für unsere Pfarrgemeinde St. Cornelius und den Pfarrverband „Rund um die Erftmündung“? Wir erfahren spürbar ein verändertes kirchliches Leben. Wie ideenreich stellen wir uns auf diese veränderte Situation in unserer Gemeinde ein?
Nichts ist mehr so, wie es vor 5, 10 oder gar 50 Jahren einmal war. Rasante Veränderungen in Staat und Gesellschaft haben einerseits Fortschritt und mehr Wohlstand gebracht, andererseits sind mit aktuellen Herausforderungen unserer Zeit kluge und solidarische Antworten notwendig. Aktuell müssen wir uns mit der Flüchtlingsfrage, dem weltweiten Terror und damit der Sicherheitslage in Deutschland und vor unserer Haustüre sowie dem Islam und dem, was Terroristen als Islam bezeichnen, auseinandersetzen. In Erfttal versuchen wir auf gesellschaftliche Herausforderungen Antworten zu geben. Im „Kontakt Erfttal“, in der Beratung im Bürgerhaus, in den Kitas, in der Grundschule und im Sportverein haben auch Flüchtlinge ihren Platz. Im Erfttaler Pflegetreff unter der Leitung von Werner Schell positionieren wir uns klar zu den für Katholiken wichtigen Fragen von Palliativmedizin und einer gewerblichen Sterbehilfe. Mit dem sozialen Netzwerk „Lotsenpunkte“ bieten - ausgehend von unserer Pfarrgemeinde – Frauen und Männer ehrenamtlich Hilfs- und Betreuungsdienste für Senioren an.
 
Hier im Stadtteil ist der Anteil von Mitbürgern des islamischen Glaubens sehr groß. Die Moschee bietet in Derikum Heimat in der Ausübung des islamischen Glaubens. Im Islam begegnen wir jüdischen und christlichen Wurzeln, der Glaube an den einen Gott und die Urgeschichte unseres Stammvaters Abraham verbinden uns. Der Dialog zwischen unseren christlichen Gemeinden und dem Moscheeverein ist – außer einem Miteinander in Grundschule und Kitas – noch sehr unterentwickelt. Gemeinsame Gespräche von Pfarrgemeinde und islamischer Gemeinde dürften für Mitglieder beider Religionen „geistreich“ sein und ein partnerschaftlicher Dialog wird das Miteinander fördern und bereichern.
 
Der Reformprozess in der katholischen Kirche Deutschlands ist nur zaghaft spürbar und bezieht sich eher auf strukturelle Veränderungen. Dennoch sind wir auch in St. Cornelius gefordert, „geistreich“ und klug Wege zu finden, wie wir gemeindliches Leben, insbesondere liturgisches Leben aufrecht erhalten. Unsere Gremien, kirchlichen Vereine und Gruppen sind aufgerufen, sich inhaltliche Gedanken in dieser Frage zu machen und zukunftorientierte Projekte zu entwickeln. W i r, das sind auf Augenhöhe der Pfarrer, sein Seelsorgeteam, der Verwaltungsleiter (neu seit Oktober des vergangenen Jahres) und alle Glieder der Gemeinde. Der sakrale Dienst bleibt Hauptaufgabe der geistlichen Amtsträger, aber das Selbstbewusstsein der Laien und der spürbare Priestermangel bringen es mit sich, dass die Laien sich eigenverantwortlich mit Sachverstand engagieren wollen und nicht immer wieder an gesetzliche Regelungen stoßen, die allein dem geweihten Amtsträger Entscheidungen zubilligen. Nur so können wir gemeinsam Kirche Jesu Christi gestalten. „So denke ich, dass die Kirche der Zukunft im Erzbistum Köln keine von Hauptberuflichen mehr versorgte Kirche sein wird, sondern eine miteinander gestaltete, getragene und verantwortete Kirche, in der es verschiedene Dienste und Rollen, doch keine unterschiedliche Würde der Getauften gibt“, so Kardinal Woelki im Fastenhirtenbrief 2016.
 
Die Zusammenführung von Pfarrgemeinden zu Pfarrverbänden war vielleicht eine notwendige und konsequente Antwort auf die personellen Entwicklungen in der Kirche. Doch der Konzentrationsprozess ist kein Allheilmittel, es muss nach neuen Personallösungen gesucht werden, die sich nicht allein auf den zölibatären Priesterberuf konzentrieren dürfen.
 
Und an dieser Stelle melde ich mich persönlich deutlich zu Wort! Wie soll Kirche wahrgenommen werden, wie soll die christliche Botschaft verkündet werden, wie sollen Kinder und Jugendliche überhaupt an Kirche herangeführt werden, wenn Kirche im Stadtteil nicht mehr erfahrbar bleibt? „Geistreiche“ Antworten sind gefordert! Drei Fragen liegen nahe:
  1. Wie und von wem sollte das pastorale Angebot mit Gottesdiensten, religiösen Veranstaltungen, Vorbereitungen auf Taufen, Erst-kommunionen, Firmungen und Trauungen gestaltet sein?
  2. Wie kann Kirche als lebendiger Bestandteil unseres Stadtteils erhalten und gestärkt werden? Zum Leben einer Pfarrgemeinde gehört auch das Pfarrfest, die Geselligkeit, der Seniorennachmittag, die Pfarrjugend, die Frauengemeinschaft, der Freundeskreis, der Kirchenchor und die Caritas, denn alle diese Angebote sind auch gleichzeitig mit einer Einladung zum Gottesdienst, zum Gespräch, zur Begegnung und gemeinsamen Aktion verbunden.
  3. Wie ist kirchlicher Service, d.h. der Dienst eines Pfarrbüros als Anlaufstelle für die Gemeindemitglieder zu organisieren?
Meine klare Antwort für alle drei Fragen ist: Ortsnahe Erreichbarkeit (demographischer Wandel!) und Zuverlässigkeit (feste Zeiten!). Nur über die kleine Einheit sind wir nah beim Menschen und nur so erreichen wir sie! Subsidiarität ist der seit über 100 Jahren bewährte Fachbegriff der katholischen Soziallehre, der in Politik und vor allem in der Sozialpolitik das tragende Ordnungskriterium ist. Dieses Prinzip muss auch im Leben eines Pfarrverbandes gelten. Insbesondere für die gewählten Gremien unserer Pfarrgemeinde sollte „Vorfahrt für die kleine Einheit“ die wichtigste Orientierung in der Organisation eines Pfarrverbandes sein. Natürlich ist der unübersehbare Priestermangel eine Herausforderung. Ist es in dieser Situation nicht klug und weitsichtig, wenn verstärkt Laien in der Repräsentanz einer Gemeinde sichtbarer würden? Welche Chancen bieten sich einer Pfarrgemeinde, wenn auch das liturgische Angebot stärker von Laien von Frauen und Männern getragen wird? Neue, mutige, kreative, einfallsreiche und auch originelle, also „geistreiche“ Ideen sind gefordert, um eine lebendige Gemeinde St. Cornelius zu bleiben.
 
Ein einfacher Satz von Papst Franziskus aus seinem Schreiben „Evangeli Gaudium“: „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In Ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger“ (EG 102), ermutigt mich, die Zukunft unserer Pfarrgemeinde weiterhin mit Optimismus zu begleiten und im Kirchenvorstand mitzuarbeiten.
 
Gastbeitrag von Heinz Sahnen, Mitglied des Kirchenvorstands von St. Cornelius, Erfttal