Kardinal Woelki: Als Kirche aufbrechen wie Abraham

Kardinal Woelki: Als Kirche aufbrechen wie Abraham
Das Erzbistum Köln soll „eine Kirche werden, die freudig und glaubhaft die frohe Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen lebt und vorlebt“. Dieses Ziel hat Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 2016 für die anstehenden Veränderungen vorgestellt. In einem ausführlichen Interview mit der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln skizziert er den Weg zu mehr Beheimatung in der Kirche, Mitverantwortung aller Getauften und Anwaltschaft für die Armen, Leidenden und Unterdrückten - „Bausteine“ nennt Woelki diese Elemente. Eine ausformulierte Vision von Kirche lehne er ab, denn: „Es wäre ja dann auch nur die Ausformulierung meiner Vision und nicht eine von möglichst vielen geteilte und in unserem Leben und Glauben verwurzelte Vision, die dann umgesetzt werden kann in Sendungs- und Handlungsschritte.“ Denn das ist ihm wichtig: alle einzuladen, mitzunehmen und teilnehmen zu lassen auf diesem Weg, heute und vor allem morgen Kirche Christi zu sein. Der Fastenhirtenbrief wird am heutigen 1. Fastensonntag in den Pfarrgemeinden verlesen.
 
Hier geht es zum Interview mit der Kirchenzeitung.
 
Hier lesen Sie den Fastenhirtenbrief 2016:
 
MITTEN UNTER EUCH (vgl. Mt 18,20)
 
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
 
seit über 1.700 Jahren wird in unserem Erzbistum die Frohe Botschaft verkündet und bezeugt. Es ist die Osterbotschaft, dass der Herr lebt, dass die Liebe und das Leben gesiegt haben, nicht das Böse und nicht der Tod in all seinen Ausdrucksformen. Am Ende des Markusevangeliums sendet darum der Auferstandene seine Jünger hinaus in die ganze Welt, damit sie allen Geschöpfen dieses Evangelium verkünden (vgl. Mk 16,15). An dessen Beginn steht zunächst der Ruf Jesu zur Umkehr: „Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Dieses Wort des Herrn ist uns bis heute gesagt. Es ist ein Wort gegen alle Angst und Verzagtheit, das uns zum Glauben ruft und Hoffnung machen kann. Umkehr ist der Weg: hin zu Gott und einer lebensfreundlichen Wirklichkeit, die aus dem Glauben an ihn entsteht. Von Herzen danke ich allen Männern und Frauen, Müttern und Vätern, allen Engagierten in den Gemeinden, Religionslehrerinnen und -lehrern, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten, allen Diakonen, Priestern und Bischöfen, die ihren Beitrag zur Weitergabe des Glaubens in all diesen Jahren geleistet haben und leisten.
 
I. Gemeinsam Kirche sein
Als ich mich im vergangenen Jahr mit meinem ersten Fastenhirtenwort an Sie gewandt habe, wollte ich dies verstanden wissen als Auftakt eines von mir für unser Erzbistum erhofften und eingeleiteten geistlichen Weges. Ich bitte Sie, das Hirtenwort, das Sie nun in Ihren Händen halten, als eine weitere wichtige Etappe auf diesem Weg zu verstehen, zu dem ich Sie erneut herzlich einlade. Wenn wir gemeinsam gehen, können wir darauf vertrauen, dass Christus mit uns geht, denn er hat versprochen unter uns zu sein, sobald zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind (vgl. Mt 18,20).
Dieses Vertrauen ist grundlegend, da wir aktuell noch unsicher sind, wohin genau es mit unserer Ortskirche geht. Wir können uns nur im Vertrauen auf Gott aufmachen – wie Abraham. Wie Abraham auch müssen wir als Ortskirche Abschied nehmen und Vertrautes zurücklassen. Wir dürfen das in dem Bewusstsein tun, dass die Kirche für sich immer wieder neu Formen gefunden hat, die Antwort gaben auf die Herausforderungen unterschiedlicher Zeiten. Auch heute spüren wir, dass die augenblickliche Form unseres Kirche-Seins vielerorts nicht mehr passt. Wir sehen das unter anderem daran, dass von ihr nur noch eher selten eine wirklich prophetische Kraft ausgeht, dass sie unseren eigenen Glauben nicht mehr ausreichend nährt und uns darum kaum noch missionarisch und evangelisierend sein lässt.
Aus dieser Erfahrung heraus haben sich Gemeinden bei uns schon neu auf den Weg gemacht, hören aktiv hin auf Gottes Wort und deuten die Zeichen der Zeit im Licht des Glaubens. Neues wächst schon – Gott sei Dank! Sehr herzlich lade ich Sie alle ein, überall dort, wo Sie als Getaufte und Gefirmte Gemeinde bilden – oder neu Gemeinde bilden wollen – dem Glauben in unserem Erzbistum Leben zu geben: Ihr Leben.
 
II. Umkehr und Neuorientierung
Schon vor fünfzig Jahren wurden auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil Beschlüsse gefasst, den damals bereits absehbaren (welt-)gesellschaftlichen Wandel nicht einfach über uns hereinbrechen zu lassen, sondern ihn aus dem Glauben heraus aktiv mitzugestalten. Es ist uns aufgegeben, die Veränderungen in der Welt, in Wirtschaft und Politik, in Gesellschaft und Kirche in ihren einzelnen Aspekten als Zeichen der Zeit lesen und als unsere heutigen Herausforderungen anzunehmen.
Allerdings müssen wir auch zugeben, dass wir in unserer eigenen kirchlichen Entwicklung diese Herausforderungen lange nicht oder nur halbherzig angenommen haben. Wir haben uns an Überkommenem orientiert, statt im Vertrauen auf die mitgehende Nähe Gottes die anbrechende Zukunft gemeinsam mit allen Getauften und Gefirmten zu ergründen, zu gestalten und zu verantworten. Gemeindliches Leben ist nicht nur dort, wo der Priester ist. Gemeindliches Leben findet überall dort statt, wo Menschen Liturgia, Martyria, Diakonia und Koinonia leben, d.h. wo Menschen in Einheit mit der Orts- und Weltkirche gemeinsam die heilige Eucharistie und in weiteren Formen Gottesdienst feiern (z.B. Laudes, Vesper, Taizegebet, Bibel-Teilen, Kreuzweg, Rosenkranz), in Wort und Tat den Glauben bezeugen und ihren Nächsten dienen. Statt das in der Breite und auf vielfältige Weise zu ermöglichen, waren und sind viele unserer pastoralen, personellen und strukturellen Maßnahmen darauf ausgerichtet, die bestehende Versorgung auch in einer wachsenden Mangelsituation aufrecht zu erhalten. Eine Neuausrichtung tut Not – nicht um Löcher zu stopfen, sondern um als Glaubensgemeinschaft in Jesu Christi Namen zur Fülle unserer Möglichkeiten zu gelangen.
Auch die alternativen Ausdrucksformen der Weltkirche – wie das Bibel-Teilen und die Kleinen Christlichen Gemeinschaften oder Kirchlichen Basisgemeinden – könnten als Stabilisierungsversuche missverstanden werden. Im Kern geht es mir jedoch um etwas ganz anderes: darum, das Wort Gottes zum steten Ausgangspunkt und zum Zentrum unseres Nachdenkens und all unseres kirchlichen Handelns zu machen. Das wird uns als Kirche verändern, unser Beten, unsere Umgangsformen genauso wie unsere Entscheidungen und die Akzente, die wir im Blick auf die Zukunft unserer Ortskirche setzen werden. Darauf vertraue ich. Wenn sich getaufte Christen als mitverantwortlicher Teil von Kirche erfahren, sich in ihrem jeweiligen sozialen Nahraum als Kirche zusammenfinden und sich als örtliche Substruktur der großen Pfarrei regelmäßig treffen, miteinander beten, das Wort Gottes miteinander teilen und darin ihre Sendung in ihrem sozialen Nahraum erkennen, dann werden wir auch weiterhin – oder erstmalig – dort Kirche und Gemeinde sein können, wo die Menschen leben oder arbeiten: an der Basis unseres alltäglichen Lebens.
Doch soweit sind wir noch nicht. Wir müssen erst miteinander herausfinden, aus welchen Bausteinen sich bei uns im Erzbistum Köln eine zukunftsweisende Pastoral zusammensetzen lässt. Eine Pastoral, die den Menschen in unserer aufgeklärten, postmodernen und hochindividualisierten Gesellschaft einen lebensnahen Zugang zu Gott, zum lebendigen Christus und zur Gemeinschaft der Glaubenden ermöglicht.
Ich lade Sie ein, die Fragen, die an dieser Stelle aufbrechen, wie einst Abraham als Verheißungen zu begreifen:
  • Wie möchte Christus, dass wir in dieser sich beständig verändernden Welt heute Kirche sind?
  • Wie können wir das kirchliche Leben in unseren Seelsorgebereichen so gestalten, dass unser eigener Glaube darin Heimat hat?
  • Wie können wir über uns hinaus möglichst viele Menschen mit Gott in Berührung bringen?
  • Wie können wir so Gottesdienst feiern, Glauben teilen, Gemeinschaft leben und dem Wohl der Menschen dienen, dass wir darin Gottes Liebe glaubwürdig bezeugen und so auch andere Menschen zur Nachfolge Jesu Christi anstiften?
III. Volk Gottes auf dem gemeinsamen Weg
Das Zweite Vatikanische Konzil sieht die Kirche nicht als etwas Statisches, sondern zum Beispiel als pilgerndes Volk Gottes, in dem jede und jeder Getaufte Charismen – d.h. besondere Talente und Gaben – geschenkt bekommen hat, durch die jede und jeder etwas Kostbares und Unverwechselbares beizutragen hat zum Leben der Kirche und ihrer Sendung in dieser Welt. So denke ich, dass die Kirche der Zukunft im Erzbistum Köln keine von Hauptberuflichen mehr versorgte Kirche sein wird, sondern eine miteinander gestaltete, getragene und verantwortete Kirche, in der es verschiedene Dienste und Rollen, doch keine unterschiedliche Würde der Getauften gibt.
Diese Sicht der Kirche ist nicht neu. Sie greift Gedanken aus den neutestamentlichen Paulusbriefen und der frühchristlichen Praxis auf. Und im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil hat auch die gemeinsame Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1970er Jahre bereits formuliert: „Aus einer Gemeinde, die sich pastoral versorgen lässt, muss eine Gemeinde werden, die ihr Leben im gemeinsamen Dienst aller und in unübertragbarer Eigenverantwortung jedes einzelnen gestaltet“. Doch die Wirkung dieser Einsicht blieb begrenzt. Zwar entstanden Gremien der Mitverantwortung wie etwa die Pfarrgemeinderäte, und zahlreiche Frauen und Männer begannen, sich vermehrt in Katechese, Liturgie und karitativer Arbeit zu engagieren. Da wir aber in den damaligen Jahrzehnten noch recht gut mit Priestern, Diakonen und hauptberuflichem pastoralen Personal versorgt waren, blieb die Verantwortung bei den Hauptberuflichen.
Inzwischen ist unsere Situation eine andere geworden. So lade ich Sie heute ein, die derzeitige Situation der Kirche und damit etwa die seit Jahrzehnten abnehmende Zahl an Priestern, Diakonen, an Hauptberuflichen im pastoralen Dienst sowie an Menschen, die sich ehrenamtlich in unseren Gemeinden engagieren oder die Gottesdienste besuchen mit mir als Herausforderung anzunehmen und als Hinweis Gottes zu lesen, sich von der Vorstellung einer versorgenden Kirche zu verabschieden und uns als Ortskirche neu ausrichten. Damit verbinden möchte ich die Bitte, mit mir und allen, die im Erzbistum Köln Verantwortung tragen, über unser zukünftiges Kirchesein gemeinsam nachzudenken – wir, die Kirche im Erzbistum Köln: ausgerichtet auf Christus.
 
IV. Lernende Kirche
Aus den Erfahrungen der Weltkirche durften wir in den vergangenen Jahren vieles lernen. In den meisten Diözesen der Welt sind flächenmäßig große pastorale Einheiten und eine sehr geringe Zahl an hauptberuflichen pastoralen Diensten seit jeher Alltag. Und doch findet sich bis in die äußeren Stadtteile oder Dörfer hinein eine lebendige Kirche, getragen durch engagierte Getaufte, die ihre Verantwortung als Volk Gottes wahrnehmen und leben. Wir wollen weltweit voneinander lernen. Dabei wollen wir Dinge nicht eins zu eins übertragen, sondern zu verstehen beginnen, welche Visionen und pastoralen Ausrichtungen den verschiedenen Ortskirchen den Weg gewiesen haben, im jeweiligen Kontext Kirche für und mit den Menschen zu sein.
Liebe Schwestern und Brüder, gemeinsam mit Ihnen allen möchte ich für unser Erzbistum eine Zukunftsvision von Kirche entwickeln, die in unseren Realitäten vor Ort geerdet ist. Dafür müssen wir uns zunächst in einem geistlichen Prozess ehrlich an die Bestandsaufnahme machen. Auch das kann nur gemeinsam geschehen, denn es sind ja Ihre konkreten Lebensrealitäten, in denen die Kirche eingewurzelt ist.
 
V. Eine Vision, die in der Realität wurzelt
Den Verheißungen Gottes und seiner mitgehenden Nähe vertrauend, hat sich sein Volk durch alle Zeiten hindurch auf den Weg in eine Zukunft gemacht, von der es nicht wusste, wie sie konkret aussehen würde. Glaubendes Vertrauen ging mit – und die Träume, die Sehnsüchte und Visionen der Menschen, die an Gott glaubten. Jesu Verheißung vom Anbruch des Reiches Gottes mitten unter uns ist in der christlichen Glaubenstradition die größte dieser Verheißungen. Sich dafür in den Dienst nehmen zu lassen, dass sie unter den Menschen und mit ihnen Wirklichkeit wird, ist unsere zentrale Sendung als Kirche. Doch ohne eine gemeinsame Vision sind weder Aufbruch noch Weitergehen möglich. Neue Wege entwickeln nur dann eine Überzeugungskraft, wenn sie von einer Vision geleitet sind, die möglichst viele Menschen teilen.
Als Bischof habe ich eine solche Vision, wie die Kirche im Erzbistum Köln in Zukunft aussehen kann. – Welche Vision haben Sie? Was hat Gottes Geist uns jeweils an Kirchensehnsucht ins Herz gelegt? Im Teilen dieser unserer Visionen werden wir entdecken, welches Bild von Kirche Gott uns heute zeigt und Wirklichkeit werden lassen will. Unser gemeinsamer Glaubenssinn (sensus fidelium) und Prozesse der „Unterscheidung der Geister“ werden uns dafür dienlich sein.
Meine Vision ist kein fertiges Modell, das in Pastoral- oder Personalplänen festgeschrieben und morgen ausgeführt werden könnte. Es wäre dann ja auch nur die Ausformulierung meiner Vision und nicht eine von möglichst vielen geteilte und in unserem Leben und Glauben verwurzelte Vision, die im Rahmen unserer gesamtkirchlichen Möglichkeiten zu erarbeiten noch vor uns liegt. Meine Vision aber enthält Elemente, die Bausteine einer zukünftigen Ortskirche von Köln sein können. Ich möchte sie hier mit Ihnen teilen:
  • Eine Kirche, in der Priester, Diakone, Hauptberufliche in der Kirche und alle Getauften ihre Gaben einbringen und Verantwortung übernehmen. Dass dabei Fehler passieren, kalkulieren wir realistischerweise mit ein; es ist Teil unseres gemeinsamen Lernweges.
  • Eine Kirche, in der Klerus, Ordensleute und Laien einander in wertschätzender Weise als Schwestern und Brüder anerkennen.
  • Eine Kirche, die auf allen Ebenen aus dem Wort Gottes lebt und eine in der Bibel begründete Spiritualität pflegt. Die Bibel ist uns die Quelle, nicht ein Impuls unter vielen. Für die Zukunft kein Nachdenken über Kirche und ihre Strukturen, keine Beschlüsse über kirchliches Leben, keine Abteilungskonferenz oder Teambesprechung, ohne ein angemessenes Maß an Zeit und Raum, die Gott gehören – und damit auch uns – im Hören auf sein Wort.
  • Eine Kirche, die unterhalb der großen Pfarreien oder Seelsorgebereiche in überschaubaren Gemeinden und Sozialformen lebt, in der jede und jeder Einzelne ein Gesicht und einen Ort hat.
  • Eine Kirche, in der die in Jesu Christi Namen versammelte Gemeinde das Leben der Menschen am Ort teilt und hier ihre Sendung lebt. Das, was sich etwa in der Aktion „Neue Nachbarn“ als lebendiger Ausdruck des Glaubens und der gesellschaftlichen Mitverantwortung zeigt, ist für mich dafür ein sehr eindrückliches Beispiel.
  • Eine Kirche, in der Gottesdienste und Liturgien gefeiert werden, die Gott die Ehre geben, unser persönliches geistliches Leben nähren und uns helfen, im Alltag authentisch als Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi zu leben.
  • Eine Kirche, die in einer lebendigen Verbindung der Gemeinden und Gemeinschaften mit der größeren Pfarrei, mit dem Seelsorgebereich, dem Erzbistum und der Weltkirche steht und lebt. Die Feier der heiligen Eucharistie – insbesondere am Sonntag – ist dabei das einigende Band, aus dem wir alle leben.
Dass eine solche Weise des Kirche-seins in vielen Ortskirchen unserer Welt schon hoffnungsfrohe Wirklichkeit ist, ist für mich Ermutigung – auch wenn wir unseren eigenen konkreten Kölner Weg noch miteinander finden müssen.
 
VI. Einheit in Vielfalt
Die unterschiedlichen Realitäten in unserem Erzbistum werden dazu führen, dass auf dem Weg, der vor uns liegt, unsere Pfarreien, Gemeinden und Kirchorte sich in verschiedenen Geschwindigkeiten und zu unterschiedlichen Gestalten entwickeln werden – auf dem Land anders als in der Stadt, in der Stadt nicht in jedem Viertel gleich. Und da die Welt sich weiter rasant verändern wird, werden auch die Formen unseres Kirche-seins wandelbar bleiben müssen. Auch zukünftig braucht es unsere Bereitschaft zur Umkehr, da die guten Formen oder Modelle von heute das Leben morgen ersticken können, wenn sie sich überholen und nicht offen bleiben für Fragen und neue Visionen.
Ich wünsche mir, dass wir innerhalb unserer großen Pfarreien und Seelsorgebereiche Gemeinden und Gemeinschaften bilden, die umeinander wissen, gut vernetzt sind, sich zur Feier der sonntäglichen Eucharistie sammeln und sich von dort aus wieder senden lassen in die Welt von heute. Dies ist ein Idealbild; auf dem Weg dahin werden wir mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Denn unsere Alltagserfahrung ist ja auch diese: Wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind, da gibt es Konflikte, da treffen unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche aufeinander. Solche Konflikte gehören zu unserem Leben genauso wie zu unserem gemeinschaftlichen Glauben. Sie dürfen sein – auch in der Kirche. In der Weise aber, wie wir mit diesen Konflikten umgehen, zeigt sich Gottes Geist, ebenso wie in den Lösungen, die wir mit Gottes Hilfe gemeinsam finden – wenn wir auf ihn hören. Es gilt neu zu lernen, was Einheit in Vielfalt bedeutet.
Auch zukünftig werden unsere großen Pfarreien und Seelsorgebereiche von Priestern geleitet werden. Das sakramentale Weihepriestertum nimmt hier den ihm anvertrauten besonderen Dienst der Leitung in der Kirche wahr, deren Herr Christus ist. Aber auch die unterhalb der Pfarrebene liegenden Gemeinden und Kirchorte benötigen eine gute Leitung. Sie könnte in Zukunft unter bestimmten Voraussetzungen auch von einer Gruppe von Getauften und Gefirmten wahrgenommen werden. Dafür werden wir gemeinsam neue Formen entwickeln, wie es die deutschen Bischöfe in ihrem Wort „Gemeinsam Kirche sein“ vorschlagen.1
 
VII. Haltungen und Rollen
Eine Kirche, die auf Partizipation, Mitverantwortung und den Reichtum des Glaubens aller Getauften setzt, braucht eine Veränderung unserer Haltungen und Rollenmuster. Das ist nicht leicht, braucht Zeit und ist wohl nur aus einer gemeinsamen geistlichen Erfahrung heraus möglich. Wer beim Bibel-Teilen, im Glaubensgespräch, im gemeinsamen Ringen um den Zukunftsweg der Kirche den anderen als verantwortungsvollen Christen erlebt, der wird bereit, mit ihm – oder ihr – Verantwortung zu teilen, Aufgaben abzugeben und Neues zuzulassen – ganz gleich ob im Haupt- oder Ehrenamt. Solche geistlichen Räume und Begegnungsmöglichkeiten müssen wir uns schaffen und pflegen, sonst werden uns diese Erfahrungen nicht geschenkt. So möchte ich Sie alle ausdrücklich dazu ermutigen.
Daran anschließend möchte ich auch zu einer immer tieferen Zusammenarbeit ermutigen. Viele von Ihnen, die Sie sich in unseren Pfarreien heute engagieren, arbeiten in den verschiedensten Berufen längst in hochqualifizierten Teams und erwarten darum in ihrem kirchlichen Engagement zu Recht, von den kirchlich Verantwortlichen auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden: als mündige Christen, die ihre Fähigkeiten und ihre Zeit für die Kirche einbringen. Teamfähigkeit ist darum auch für die Hauptberuflichen in der Pastoral eine immer wichtigere Qualifikation, an der wir arbeiten und in der wir uns entwickeln müssen. Die Art bzw. die Qualität der Teamarbeit vor Ort wird zudem ein wichtiges Zeugnis in die Pfarrei, in den Seelsorgebereich oder die kirchliche Einrichtung hinein sein. Denn gerade eine gute, wertschätzende, transparente und klare Weise des Umgangs miteinander dient dem gemeinsamen Anliegen: dem Aufbau des Reiches Gottes mitten unter uns.
Mich ermutigt, dass eine Entwicklung im Rollenverständnis unserer pastoralen Dienste schon längst begonnen hat. Grundlegend ist dabei die Rückbesinnung auf die je eigene Berufung. Denn es erfordert tiefes Gottvertrauen, gewohnte Dinge zu lassen oder Ungewohntes zu tun. Viele unserer Priester, Diakone und Mitarbeitenden in der Pastoral sind schon keine „Versorgenden“ mehr, die alles alleine tun wollen oder sollen. Die Herausforderung ist, unsere Arbeit als Geweihte oder als Hauptberufliche im kirchlichen Dienst in dem Sinne zu verändern, dass wir noch mehr zu geistlichen Begleitern der engagierten Getauften werden, zu Charismenfindern, zu Aus- und Weiterbildern. Und natürlich gilt auch für die Geweihten und die Hauptberuflichen, sich selbst immer wieder bekehren zu lassen vom Anderen, vom Gegenüber. Wir sind nicht die Macher, die Macherinnen; Christus ist es und er begegnet uns in vielerlei Gestalt.
Doch Rollenveränderungen stehen nicht nur für die Priester, Diakone und hauptberufliche pastoralen Dienste an, sondern auch für die Gemeindemitglieder, die Getauften. Sie sind eingeladen, in der Breite selbst mehr Verantwortung und Gestaltung in der Kirche zu übernehmen und nicht alles von den „Profis“ zu erwarten. Dabei geht es nicht darum, dass die heute schon oft sehr belasteten Engagierten in unseren Gemeinden noch mehr tun sollen. Vielmehr geht es darum, miteinander zu entdecken und schätzen zu lernen, wer wir als Kirche sind: Volk Gottes, in dem jede und jeder Getaufte eine Gabe Gottes geschenkt bekommen hat, die wir in einer Weise in das kirchliche Leben einbringen können, wie niemand anderes es könnte.2
Solche Veränderungen brauchen Hilfestellung. Darum werden wir die Begleitungs-, Beratungs- und Unterstützungssysteme, die wir im Erzbistum aufgebaut haben, in den Dienst dieses geistlichen Prozesses stellen. Und wir werden auch die Ausbildung der Priester, Diakone und der Hauptberuflichen in der Pastoral in diesem neuen Licht weiterentwickeln und entsprechend verändern.
Ich mache mir keine Sorge um die Kirche, wenn es in ihr zentral darum gehen wird, uns und anderen den lebendigen Christus erfahrbar zu machen: in der Feier der heiligen Eucharistie, im Hören auf das Wort Gottes, in Gemeinde und Gemeinschaft, in der Begegnung mit und im Dienst am Nächsten. Wo uns das gelingt – so hoffe ich –, wird uns das in eine Mystik des Volkes Gottes führen, aus der eine neue Weise der „Volksfrömmigkeit“ entsteht, die einladend ist für die Menschen und die Welt, in der wir heute leben. Vielleicht wird die eine oder andere bestehende Gemeindeaktivität wegfallen, doch ich vertraue darauf, dass Neues entstehen wird, wo wir all unseren Möglichkeiten entsprechend nach neuen Glaubensformen suchen.
 
VIII. Gemeinsames Priestertum aller Getauften und Priestertum des Dienstes
Was ich bisher über die Berufung aller Getauften gesagt habe, gründet auf der im Zweiten Vatikanischen Konzil ausdrücklich betonten Bedeutsamkeit und Wirksamkeit der Taufe. Die Taufe gibt jeder Christin und jedem Christen Anteil am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Jesu Christi.3 Jeder und jedem ist in Taufe und Firmung die Sendung mitgeteilt, dem Glauben und der Hoffnung auf Gottes Bei-uns-Sein ein Gesicht zu geben. Die Kirche als Ganze lebt mit der Zuversicht, dass sie in der Lebenswelt der Menschen eingewurzelt, in ihr präsent ist, wenn sie die Vielfalt der Glaubenszeugnisse und Lebensentwürfe aus dem Geist Jesu Christi Raum gibt.4
Dieses gemeinsame Priestertum aller Gläubigen steht nicht im Gegensatz zur Theologie und Praxis des hierarchischen Priestertums, das das Zweite Vatikanische Konzil das „Priestertum des Dienstes“ (LG 10) nennt. Die sakramentale Dimension des weihepriesterlichen Dienstes, die durch nichts zu ersetzen ist, gewinnt vielmehr in unseren Überlegungen über die Zukunftsgestalt der Kirche eine neue Perspektive. Denn das besondere Priestertum der Weihe eröffnet durch den Dienst der Leitung, der Verkündigung und der Feier der Sakramente jenen Raum, in dem Christus sich schenkt, zu seinem Volk spricht, es führt und leitet. So dient es der Sammlung und dem Wachstum des Volkes Gottes, das auf seinem Weg durch sich verändernde Zeiten in der Feier der dem Priester anvertrauten Sakramente Christus begegnet und so immer wieder neu zur Kirche Jesu Christi vor Ort wird. Durch seinen besonderen Dienst der Leitung soll der Priester die Getauften unterstützen, fördern und dabei begleiten, als Christen zu leben: ihre Verbundenheit mit Jesus Christus und ihre Solidarität mit den Menschen unserer Zeit. Auch der Priester ist ja erst einmal ein Getaufter. So gibt es in der Kirche verschiedene Dienste, doch keine unterschiedliche Würde der Getauften.
 
IX. Sammlung und Sendung
Die gemeindlichen Grundbewegungen der Sammlung (communio) und der Sendung (missio) werden uns hoffentlich künftig stärker ins Bewusstsein rücken. Es sind die zentralen Bewegungen einer lebendigen Kirche vor Ort. Papst Benedikt XVI. sagte dazu in einer Ansprache in Freiburg im September 2011: „Das rechte Bleiben-mit-ihm, das tief in ihn Eingewurzelt-Werden, immer mehr mit ihm sein, immer mehr ihn kennen, immer mehr sich nicht von ihm trennen“ ist kein Gegensatz zu dem „immer mehr hinausgehen, Botschaft bringen, weitergeben, nicht für sich behalten, sondern das Wort zu denen bringen, die fern sind und die doch alle als Geschöpfe Gottes und als von Christus Geliebte die Sehnsucht nach ihm im Herzen tragen“. Die Sammlung der Kirche zielt auf ihre Sendung hin: „Hinauszugehen in die vielfältigen Straßen, an denen Menschen stehen, die wir einladen sollen zu seinem Hochzeitsmahl.“5
Wir wollen uns im Erzbistum Köln sammeln und senden lassen von, mit, zu und durch Christus. Das wird zu einer geistlichen Durchdringung unseres kirchlichen Alltags führen und diesen weiter verändern:
  • gut vernetzte, dezentrale Kirchenstrukturen,
  • nicht-dominierende Leitungsformen auf den unterschiedlichen Ebenen,
  • Charismenorientierung,
  • geteilte Verantwortung und eine breite Partizipation,
  • Empathie, soziale Nähe und soziale Verantwortung,
  • gemeinsame Visionsarbeit,
  • Vertrauen und Gemeinschaft,
  • Mut, Geduld und Ausdauer auf einem gemeinsamen Weg,
all das wären Bausteine für eine Kirche von Köln, von der ich glaube, dass sie eine Zukunft hat. Wie das gehen könnte? „Groß träumen, klein beginnen, langsam gehen – vor allem aber nicht allein“, wie es ein in der Kirche Asiens gern gebrauchtes Wort sagt.
 
X. Ostern entgegen
Liebe Schwestern und Brüder, wir stehen am Beginn der österlichen Bußzeit und am Beginn eines geistlichen Weges für unser gesamtes Erzbistum. Wie Jesus selbst werden wir in unserem persönlichen Leben und als Kirche in zahlreiche Versuchungen geführt, die uns davon abhalten wollen, im Vertrauen auf den Geist Gottes die Zukunft zu gestalten. Wenn wir der Welt das Evangelium von Jesus Christus in Wort und Tat bezeugen wollen, werden wir Hindernisse und Rückschläge erfahren. Lassen wir uns davon nicht entmutigen, sondern lassen wir uns führen: Ostern und der Begegnung mit dem Auferstandenen entgegen!
Auferstehung war nicht nur damals, sondern sie geschieht mitten unter uns. „Nos sumus testes – wir sind Zeugen“ (Apg 5,32) der Auferstehung, wir sind Zeugen, dass Christus mitten unter uns ist. Lassen wir uns von der Freude des Evangeliums dorthin führen, wo Gott uns als Kirche will und braucht: in die Welt von heute.
 
Auf diesem Weg begleite und ermutige Sie alle der Segen des allmächtigen Gottes, + des Vaters  + und des Sohnes + und des Heiligen Geistes. Amen.
 
Köln, am Fest der Taufe des Herrn 2016
 
Ihr
Rainer Maria Card. Woelki
Erzbischof von Köln
 
1 Vgl. „Gemeinsam Kirche sein“. Wort der deutschen Bischöfe zur Erneuerung der Pastoral vom 1. August 2015, hier v.a. Kapitel 5: „Leitung in der Kirche hat viele Gesichter“, Bonn 2015, 41-49.
2 „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,4-7).
3 Vgl. Lumen gentium 10 und 12.
4 Vgl. Gaudium et spes 1 und 2.
5 Vgl. die Ansprache im Collegium Borromaeum, Erzbischöfliches Priesterseminar zu Freiburg im Breisgau, am 24. September 2011.