Mit Volldampf zur Gnadenkapelle

Mit Volldampf zur Gnadenkapelle
Die Passanten machen lange Hälse. Neugierig schauen sie von den andern Bahnsteigen herüber, als auch Gleis 3 ein Sonderzug Einfahrt hat - gezogen von einer großen schwarzen Dampflok.

Der pensionierte Lokomotivführer Hans-Josef Uhr bringt sein Dampfross sicher zum Stehen Er hat sich selbst „reaktiviert“ für diesen einen Sonderzug, der am Samstag nach Kevelaer fährt. In den historischen Waggons reisen mehr als 600 Pilger aus den Dekanaten Neuss-Nord und Neuss-Süd mit ihm. Es wird ein langer, schöner Tag für alle.

In der Andacht frühmorgens in Sankt Marien erteilt Pfarrer Jochen Koenig den Pilgersegen und erzählt die alttestamentliche Geschichte von Tobias, der auf seiner Reise vom Erzengel Raphael begleitet wurde.

Danach strömen die Pilger auf den Bahnsteig und sind gespannt auf die Lok und ihre historischen Personenwagen. Wer schnell ist, bekommt einen Platz in den Plüschsitzen der ersten Klasse. Wer aber doch noch einmal die geschmückte Lok vorne bestaunen will oder den Lokführer und seine Besatzung, allesamt in historische Uniformen gekleidet, der findet sich am Ende auf der Holzbank der dritten Klasse wieder. Alles historisch genau, da gehört auch die „Holzklasse“ dazu.

Ein selten gewordener Spaß

Ein langer Pfiff macht der Wartezeit ein Ende. Mit einem Ruck setzt sich der Zug in Bewegung, die Pilger stecken ihre Köpfe aus den Fenstern. Ein selten gewordener Spaß in den Zeiten von ECE und Intercity. Doch auch die Dampfpilger ziehen rasch den Kopf wieder ein angesichts der dunklen Rauchschaden, die an den Fenstern vorbeiziehen.

Genau diese schwarzen Wolken möchte der amtierende Hubertusschützenkönig von Neuss, Dr. Uwe Kirschbaum, an Schützenfest nicht sehen. „Wir fahren mit, damit wir dieses Jahr Schützenfest schönes Wetter bekommen“, erzählt er scherzend. Er sitzt mit seiner Ehefrau und zwei weiteren befreundeten Ehepaaren im Abteil, und alle genießen die Nostalgie des alten Zuges, den mancher noch aus seiner Jugend kennt.

Der fünfjährige Franz dagegen hat so eine große Lok vorher noch nie gesehen und läuft neugierig durch den ganzen Zug. „Am besten hat es mir ganz hinten gefallen, da wo man rausgehen kann. Und Wasserkanister und einen alten Ofen habe ich gesehen“, sagt er und rutscht wie seine kleine Schwester Paula aufgeregt in dem großen Sitz hin und her.

Die beiden gehören zu den 110 Teilnehmern der Gruppe des Katholischen Kindergartens St. Quirin. „Als wir die Informationen über die Wallfahrt bekommen haben, haben wir gedacht, dass wir diese zu unserem jährlichen Familienausflug machen. Die Eltern und Kinder waren sofort begeistert.

Wir haben die Kinder in den vergangenen zwei Wochen vorbereitet und erklärt, was eine Wallfahrt ist, und auch, was so besonders an der historischen Lok ist“, berichtet Anneli Breidenbach, Leiterin des Kindergartens. Die Kinder haben Kerzen selber gestaltet, die sie nach der Messfeier, zu der die Kevelaer-Pilger am Zielort mittags im Pax-Christi-Forum zusammenkommen, in die Kerzenkapelle bringen werden.

Nachdem auch die Schaffner die Fahrkarten gesehen haben, rattert der Zug durch die Landschaft und erreicht planmäßig den Bahnhof in Kevelaer. Dort regnet es, völlig unplanmäßig, aber die Pilger sind gut ausgerüstet und machen sich auf den Weg zur Gnadenkapelle.

Lokführer Uhr freut sich, dass alles gut gelaufen ist und beantwortet geduldig alle Fragen der Teilnehmer der Wallfahrt zu diesem technischen Denkmal auf zig Rädern. Die Dampflok der Baureihe 50 wurde 1939 gebaut und kann bis zu 80 Stundenkilometer schnell fahren.

Hans-Josef Uhr war es auch, der die Idee zu dieser außergewöhnlichen Wallfahrt hatte: „Als junger Heizer habe ich an einer Wallfahrt teilgenommen und habe gedacht, dass man dieses wieder aufleben lassen könnte. Und Pfarrer Koenig fand den Einfall großartig.

Ich kann meinen ehemaligen Beruf noch weiterführen, und die hohe Teilnehmerzahl bestätigt ja, dass dies hier eine schöne Sache für uns alle ist“, erzählt der ehemalige Schützenkönig. Das ist es, was die Pilger und Organisatoren immer wieder betonen: Die Gemeinschaft zählt. Und wenn eine schöne Dampflok hilft, Jung und Alt zusammenzuführen, sind alle zufrieden.