NACHGEFRAGT: Warum eigentlich beginnt der Neusser Bürger-Schützen-Verein den Schützenfest-Sonntag mit einem Hochamt?

Schützenhochamt in St. Quirin
Schützenhochamt in St. Quirin
Nun, ein rechtspositivistischer Jurist, also einer, dem das geschriebene Recht alles ist, würde sagen: weil es so in § 34 Absatz 2 der Satzung des Neusser Bürger-Schützen-Vereins normiert ist. Nachdenklicher würde man sich fragen: wieso steht denn überhaupt in der Satzung dieses bürgerlichen Vereins das Hochamt als eine der „wichtigsten Veranstaltungen“ des Schützenfestes festgeschrieben?

Zur Antwort führen zwei Blicke, einer in die Geschichte des Schützenwesens und unseres Vereins, ein weiterer auf das, was uns Schützen in Neuss zusammen hält, was für uns, zumindest (noch) viele von uns, von Wichtigkeit für unser Leben und für unser Fest ist.

Kirmes und Schützenfest, das ist für alte Neusser ein und dasselbe, das sind Synonyme. Kirmes, das war ursprünglich das Fest der Kirchweihe, das Fest des Orts- oder Pfarrpatrons, an dem natürlich zur höheren Ehre Gottes eine besonders festliche heilige Messe, ein Hochamt gefeiert wurde. Der kirchlichen Feier folgte die weltliche. Kirchliche und weltliche Feiern trafen zusammen. Es gab Prozessionen, es gab Aufzüge, es gab Jahrmärkte. Für die Neusser bildeten das Fest der Übertragung der Gebeine des heiligen Quirinus nach Neuss und der Tag der heiligen Walburga die Frühkirmes (hieran erinnern noch die Quirinusprozession und der heutige Maimarkt). Am Fest des heiligen Bartholomäus feierten unsere Vorfahren in Neuss die Spätkirmes. Auf diese Tage der Feier des heiligen Bartholomäus legten 1823 die Mitglieder der am Quirinusmünster errichteten „Marianischen Junggesellen-Sodalität“ ihr Schützenfest. Ihr Schützenfest? Nein, mit Fug und Recht können wir sagen: unser Schützenfest, verbindet doch, wenn wir nur hierauf schauen wollen, z.B. schon formell auch heute § 31 unserer Satzung unser Schützenfest mit dem Festtag des Apostels Bartholomäus. Historisch war es also eine kirchliche gebundene Gemeinschaft, die letztlich den Grundstein für unser Schützenfest in heutiger Form legte, historisch knüpfte sie den Termin des Schützenfestes an ein katholisches Heiligenfest an, eben an das des heiligen Bartholomäus. Da ist es nur folgerichtig, dass wir auch heute unser sonntägliches Programm mit einem Hochamt beginnen, einer heiligen Messe für die verstorbenen früheren Mitglieder unseres Vereins und auch für uns lebende heutige Schützen oder, wie es kurz heißt, für die „Lebenden und Verstorbenen des Neusser Bürger-Schützen-Vereins“.

Wenn wir die heilige Messe auch für die Lebenden feiern, so erhöhen wir uns damit nicht etwa selbst, auch wenn wir in dem Festhochamt und beim Schützenfest mit unseren herrlichen Uniformen und mit allem festlichen Prunk freudig auftreten, den ein solch traditionelles Fest zu bieten hat. Im Gegenteil: gerade dadurch, dass wir auch für uns Lebende beten, machen wir uns bewusst, dass nicht wir die Herren der Welt sind, dass wir auf Gottes Hilfe und Beistand angewiesen sind. Der Schritt in unser Quirinus-Münster, die Kniebeuge vor dem Altar und das Gebet zu Gott und auch unserm Stadtpatron, dem heiligen Quirinus, schützen uns vor Selbstüberschätzung. Und das ist auch für unser Schützenfest gut so. Denn Selbstüberschätzung hindert Freundschaft; Selbstüberschätzung schafft Ferne und baut Distanz. Wir rühmen uns, dass sich gerade bei unserem Schützenfest gesellschaftliche, konfessionelle und sonstige Grenzen aufheben. So soll es auch sein. Dies wird auch im gemeinsamen Gottesdienst, traditionell und vom Selbstverständnis der meisten Schützen her einer festlichen katholischen Messe, deutlich, nicht nur durch das Grußwort des evangelischen Pfarrers. Der Neusser Münsterchor drückt diese Gemeinsamkeit der Feiernden im Festhochamt zum Schützenfest 2007 herrlich aus, wenn er singt: „Ubi caritas et amor, Deus ibi est.“ „Wo die Eintracht und die Liebe, da wohnet Gott.“ – Auch viele Korps unseres Regiments feiern im Laufe des Jahres ihr Patronatsfest (wir kennen Patronate der Gottesmutter Maria, der heiligen Drei Könige, der Heiligen Hubertus, Jakobus und Sebastianus, Barbara und Georg) mit einer heiligen Messe und bringen damit zum Ausdruck, dass auch für uns wie für die Bruderschaften letztlich der Wahlspruch „Glaube, Sitte, Heimat“ Leitschnur ist. - Der verstorbene Philosoph Josef Pieper betonte, dass ein Fest da ist, wo Zuneigung ist, er hält fest, dass ein Fest in diesem Sinne die „Zustimmung zur Welt“ ist. Diese „Bejahung [des anderen und der Welt], aus der das Fest lebt“ (so Pieper), mögen unser Fest auch künftig prägen, dann ist der Fortbestand unseres Heimatfestes gesichert. Dann wird es auch „das Fest“ der Neusser bleiben, weil es uns in dem Bewusstsein zusammen bringt, dass wir nicht zuerst uns selbst, sondern unsere Gemeinschaft und damit unseren Nächsten im Wissen um unsere eigenen Unzulänglichkeiten feiern und uns doch oder eher gerade deshalb des Lebens freuen. Oder, wie es der Wahlspruch des Corps der Schützenlust, die den heiligen Quirinus in ihrem Abzeichen trägt, sagt: „An Herrjott on Heimat, en Freud on em Knies, halt fass bös zum Baschte, so fass wie Nüss!“

Der Autor des Artikels, Martin Flecken, arbeitet als Rechtsanwalt und ist vielfach ehrenamtlich engagiert, unter anderem in der Pfarrgemeinde St. Quirin. Dort ist er Vorsitzender des Pfarrgemeinderates und Mitglied des Kirchenvorstands. Ferner ist er Schützenmeister des Neusser Bürger-Schützen-Vereins.