Reizwort Gemeindezusammenlegung

In der Jesuitenzeitschrift "Stimmen der Zeit" (Heft 5/2007, S. 316-329) erschien vor einiger Zeit von Prof. Medard Kehl ein Beitrag zu den Pfarrzusammenlegungen und den Hintergründen der immer drängenderen seelsorgliche Misere vor Ort. Der Beitrag löste den Brief eines Bischofs aus, den "katholisch-in-neuss.de" als wichtige Wortmeldung zum brennend heißen Thema dokumentiert:

Sehr geehrter Herr Professor!

Für Ihren Artikel in den Stimmen der Zeit „Reizwort Gemeindezusammenlegung“ möchte ich Ihnen herzlich danken. Vor allem auch für den theologischen Hintergrund der „Kirche vor Ort“, von dem man sonst nicht viel hört.
Mir ist das „Reizwort“ in den letzten Jahren sehr vertraut geworden. Ich bin als Bischof nunmehr zehn Jahre im Ruhestand, und meine Hauptaufgabe wurden Exerzitien und Einkehrtage. Ich habe unter anderem etwa 1.300 Seelsorgspriester in Exerzitien vor mir gehabt (und ebenso viele Schwestern und Laien), von Norddeutschland bis ins Wallis und vom Elsaß bis ins Burgenland. In diesen leiseren Begegnungen habe ich die Probleme der Kirche mehr von der Innenseite kennengelernt, in persönlichen Gesprächen wie in den immer wieder gewünschten gemeinsamen Ausspracheabenden. Das sich mir eröffnende Bild ist überall das gleiche: Diese älter werdende Priestergeneration, die zu Exerzitien kommt, ist im Gesamten durchaus treu, sowohl in Lebensführung wie im Glauben, auch die Zölibatären Probleme sind für die meisten im menschlich-normalen Bereich. Es ist auch so, dass die meisten von der Sinnhaftigkeit ihres Berufes getragen sind. Ihre Motivation schöpfen sie aus dem Auftrag des Herrn und der Verbundenheit mit der Herde. Allerdings musste ich feststellen, dass Rom und die Hierarchie als motivierende Kraft immer schwächer werden. Es öffnet sich hier die Kluft einer emotionalen Entfremdung, die mir Sorge macht, weil ich emotionale Entfremdungen für schwerwiegender halte als den einen oder anderen aktuellen Streit. Diese Entfremdung ist natürlich je nach der Persönlichkeit des Bischofs verschärft oder gemildert, aber sie ist da.
Es gibt viele Hintergründe für diese Entfremdung. (…) Und nun ist ein weiterer Entfremdungsgrund das von Ihnen angeschlagene Thema der so genannten Gemeindezusammenlegungen. Die Seelsorgspriester wurden zu diesen „Lösungen“ kaum gefragt – sie haben ja kein Podium, auf dem sie mit Gewicht auftreten könnten. Die Priesterräte sind de facto und de jure belanglos. Pfarregemeinschaften, die auf die Folgen dieses Systems offen hinweisen, werden ins häretische Abseits gedrängt ( so in Österreich ). Die Seelsorger – und gerade die, die den Zölibat als Dienst an der Sache Jesu gelebt haben und leben – verstehen das „sakramentale Austrocknen“ der Kirche nicht. Und wenn man dazu sagt, die Priester sollten eben Anderes den Laien überlassen und sich auf das Sakramentale beschränken, dann wissen die erfahrenen Seelsorger, dass eben lebendige Sakramentalität in der Kirche den Aufbau menschlicher Beziehungen voraussetzt, dass z.B. die Krankensalbung sehr oft der Schlusspunkt einer längeren Betreuung und einfühlsamer Gespräche ist und nicht einfach ein mechanischer Akt, bei dem ein Unbekannter zu einem Unbekannten zu einer Geste und einem gemurmelten Wort gerufen wird. Genau das ist aber der Fall, wenn der Wirkungsbereich des Priesters den Aufbau menschlicher Bezüge praktisch verunmöglicht.
Ich habe als Bischof in meiner Diözese zusammen mit den Pfarrern alle Alten, Kranken, nicht Gehfähigen besucht. Es sind gegen 6.000 geworden. Das war nur möglich, weil damals die Priester diese nachgehende sakramentale Seelsorge in überschaubaren Pfarren ausgeübt haben. In seelsorglichen Großräumen stirbt das. Und wer da glaubt, dies sei eine „quantité neglegeable“, der täuscht sich. Krankenseelsorge – das wissen alle guten Pfarrer – ist Familien-, ja sogar Fernstehendenseelsorge. Auch der kirchenentfremdete Enkel ist damit einverstanden.
Ich habe in einem Dekanat während des Sommers bis in die Berghöfe hinauf alle Alten und Kranken besucht. Als ich dann im Herbst, in Zivil, eine Bergtour beim Brenner allein machen wollte und mit dem ersten Frühzug nach Süden fuhr, sind die Arbeiter mit den gelben Helmen, die in den Tunnels beschäftigt sind, in den noch dunklen Zug eingestiegen. Da hat mich einer in der Ecke entdeckt und hat gesagt: Sie waren bei meinem Großvater, und ein anderer ist gekommen und hat gesagt, dass ich bei seiner Mutter war. Und im Nu saß ich unter einer Menge Arbeiter, und wir haben uns über Gott und die Welt unterhalten. Wenn ich noch so einen gescheiten Sozialhirtenbrief schreibe, setzt sich deshalb kein einziger Arbeiter in der Bahn neben mich.
Und das sind die pastoralen Dimensionen, die die hohe Kirche nicht mehr kennt. Und deshalb verstehen die meisten Seelsorger ihre Kirche nicht mehr. Das menschliche Gesetz des Pflichtzölibats wird über den Heilsauftrag gestellt. Natürlich stimmt die Argumentation, dass der einigermaßen echt als Entfaltung gelebte Zölibat ein großes Geschenk an die Kirche ist. Aber nirgendwo gibt es in der Offenbarung einen Rückhalt für die Ansicht, dass das sakramentale Heil nur durch unverheiratete Hände weitergegeben werden darf. So höre ich es von Priestern, die ihr ganzes Leben den Zölibat treu gehalten haben.
Die Praktiker der Seelsorge wissen, wie das mit den hochgejubelten „Großräumen“ in Wirklichkeit aussieht. Ich könnte unzählige Beispiele anführen, in denen die Übernahme derartiger Aufgaben als sinnlos empfunden wird ( und Sinnlosigkeitserfahrungen sind der Hauptgrund für Stress und Berufskrisen ).
Ich habe, sagt mir kürzlich ein deutscher Priester, eine Stadtpfarre, bin Dekan und habe drei weitere Pfarreien dazu. Ich weiß, dass dies ein Unding ist… dabei handelte es sich hier um einen ausgesprochen tüchtigen, spirituell bemühten und kooperativen Seelsorger.
Die derzeit an Priester in solchen Diensten gestellten Aufgaben erfordern in besonderer Weise hochqualifizierte, vitale und begabte Persönlichkeiten. Ich erlebe im Nachwuchs, bei Weihekandidaten und auch im Gespräch mit Ordensvorgesetzten und Regenten, dass dieser Typ heute eher selten wird. Es kommen sehr oft introvertierte, sehr angepasste und wenig initiative junge Menschen, manchmal auch mit superkonservativ-hochwürdig-abgehobener Prägung, die schon für die Leitung überschaubarer Einheiten Schwierigkeiten haben.
Das alles bestärkt in den Seelsorgern den Eindruck, dass die höchste Kirchenleitung sich in einem hohen Maß von Realitätsverlust bewegt. Das manchmal in theoretischen Überlegungen hingeworfene Wort, „dass die flächendeckende Seelsorge eben passé sei“, heißt in Wirklichkeit, dass die Kirche die Menschen verlässt. Und das dreht das Herz der Hirten um. Sie erleben, wie ihr Lebenswerk den Bach hinunter geht, wie es mir eben ein alter Pfarrer gesagt hat.
Es ist irgendwo tragisch, dass diese schleichende Entpersonalisierung der Kirche ( die Zeit würde das Gegenteil verlangen ) einhergeht mit der maßlosen Überschätzung der Bedeutung von Groß-Events und Massenveranstaltungen, in die Geld und Energie aufwendig investiert werden und die niemals das verlorene Terrain an menschlich-erlebbaren und überschaubaren Strukturen ersetzen können.
Wenn in Frankreich ( Poitou ) neue Wege mit der Schaffung von Kleingruppen versucht werden, darf man nicht vergessen: In Frankreich beginnt die Seelsorge auf dem offenen Lande weitgehend im Jahre Null. Ich habe im Cantal ( Auvergne ) einem Priester in den letzten Jahren einmal ausgeholfen. Er hatte 24 Pfarreien. Und sein Nachbar 30. Hier ist die Illusion „Kirche“ auf die Spitze getrieben. Ich würde keinen jungen Menschen zu einer derartigen Berufsausübung ermuntern. Da schützt nicht einmal das Rezept „mach es so gut du’s eben kannst“. Das ist nicht mehr menschlich zu machen. Bei uns aber, das gilt für weite Teile Deutschlands und Österreichs, wäre es noch nicht so weit. Bei uns gäbe es noch immer lebendige Gemeinden, aber bei dem Konzept einer weitgehend asakramentalen Kirche werden wir auch das verlieren, was wir haben. So sieht der überwiegende Teil der bemühten Priester die Lage. Und darum gibt es die schleichende Entfremdung, die Mentalität „ich mache meine Sache, so gut ich es zuwege bringe, aber die da oben verstehe ich nicht, und sie sind mir auch keine Hilfe. Denn ich vermag in dieser Überakzentuierung menschlicher Ordnungen und zentralistischer Machtstrukturen nicht den Geist Jesu zu erkennen.“
Es gibt natürlich Gruppierungen, die mit all dem völlig einverstanden sind. Aber diese Gruppierungen, die als movimenti bei jeder Gelegenheit gelobt werden, sind in Wirklichkeit in der Seelsorge wenig präsent. Sie leben sich, und ihren Priestern werden acht-, zehn- und fünfzehntausend Gläubige umfassende Großräume nie zugemutet. Sie sind in den römischen Dekasterien präsent, und irgendeine Kritik nach oben werden sie sich nie leisten.
Bei den letzten Jahrgangsexerzitien einer deutschen Großdiözese ist bei dem Besuch des Bischofs ( der sehr geschätzt wird ) der Sprecher der ganzen anwesenden Priesterschaft aufgetreten und hat gesagt: „Herr Bischof, Sie dürfen nicht nur die Anliegen Roms zu uns bringen, sie müssen heute vor allem auch unsere Anliegen nach Rom bringen.“
(…)
Mit herzlichem Gruß
Ihr gez. Reinhold Stecher