Viel Kritik an Kölner Plänen

Das Ende der Pfarrgemeinden? – unter diesem bewusst provokativen Motto fand am 7. August ein Informationsabend des Neusser Katholikenrats statt. Mehr als 130 engagierte Katholiken, darunter verhältnismäßig viele junge Menschen, konnte der Vorsitzende Hans-Dieter Schröder im Reuschenberger Altenheim St. Hubertus begrüßen. Dr. Stephan Engels vom Kölner Diözesanrat stellte die Grundzüge des „Pastoralplans 2020“ und die Auswirkungen auf die Arbeit vor Ort dar. katholisch-in-neuss.de dokumentiert ausführlich die zu erwartenden Änderungen und gibt die Grundzüge der Diskussion wieder:

Demografischer Wandel in der Kirche
Der demografische Wandel macht auch vor der Kirche nicht halt. Die Zahl der Priester wird in Zukunft weiter sinken. Bis 2035 wird es voraussichtlich nur noch ca. 225 Priester geben, 2005 waren es noch 568. Während künftig immer weniger junge Menschen Priester werden, wird der Anteil der alten Priester immer größer.
Die Anzahl der Diakone wird leicht steigen, die der Laien im pastoralen Dienst (Pastoral- und Gemeindereferenten) wird langfristig sinken. Das liegt auch daran, dass der Erzbischof künftig pro Jahr nicht mehr Laien als Kleriker einstellen möchte – unabhängig von der Anzahl der Bewerber.
Von den noch vorhandenen Priestern werden nur ein Drittel oder maximal die Hälfte in der Lage sein, einen Seelsorgebereich zu leiten. Bis 2015 dürften dies höchstens 120 sein, danach noch weniger.

Umstrukturierung der Gemeinden
In den vergangenen Jahren gab es bereits Reformen in den 221 Seelsorgebereichen: In 30 Seelsorgebereichen fusionierten die Gemeinden vollkommen, 31mal bilden Pfarreien eine Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Pfarrgemeinderat. Das lockerste Modell, den sogenannten Pfarrverband, wählte mit 160 Seelsorgebereichen die deutliche Mehrheit.
Künftig soll es nur noch 180 Seelsorgebereiche geben. Das bedeutet, dass etwa 80 Seelsorgebereiche verändert werden. Der Erzbischof möchte den Pfarreien zwingend die vollständige Fusion vorschreiben. Der Priesterrat hingegen votiert für eine Wahlfreiheit zwischen Fusion und Pfarreiengemeinschaft. Weitere Gremien des Erzbistums werden ihr Votum erst noch abgeben. Das Modell Pfarrverband soll es nicht mehr geben.

Auswirkungen auf die Laienarbeit
Künftig soll es nur noch einen Pfarrgemeinderat pro Seelsorgebereich geben. Die Anzahl der Räte im gesamten Bistum wird von jetzt 600 auf 180 sinken. Mindestens 2.400 heute gewählte Mitglieder werden dann keinem Pfarrgemeinderat mehr angehören.
Die Anzahl der Kirchenvorstände bleibt nur erhalten, wenn in den Seelsorgebereichen Pfarreiengemeinschaften gebildet werden. Sollte es zu Fusionen kommen, wird es auch nur noch einen Kirchenvorstand pro Seelsorgebereich geben.

Konkrete Auswirkungen in Neuss
Auf die Dekanate Neuss Nord und Süd heruntergerechnet ergibt sich Folgendes: Die Pfarrgemeinderäte werden von jetzt 22 auf maximal 11, minimal 8 reduziert. Mindestens ein Drittel, möglicherweise aber auch die Hälfte der zurzeit 234 gewählten Pfarrgemeinderatsmitglieder werden ihr Amt dann verlieren.
Nach dem Katholikenrat vorliegenden Informationen gibt es schon konkrete Planungen für Neuss. Folgende Seelsorgebereiche sollen demnach zusammengelegt werden: Büttgen / Holzbüttgen / Büttgen-Vorst und St. Martinus Kaarst; Thomas Morus / St. Josef und Christ-König / Heilig-Geist (Neusser Norden); St. Quirin / Hl. Dreikönige / St. Pius und St. Marien (Neusser Innenstadt); Hoisten / Weckhoven - Am Hagelkreuz und Norf / Rosellen (Neusser Süden). Die betroffenen Pfarrer wurden bereits zu einem Gespräch bei Weihbischof Dr. Rainer Woelki eingeladen.

„Ein Anschlag auf das Ehrenamt als solches“
Mit diesen drastischen Worten kommentierte Heiner Cöllen vom Vorstand des Katholikenrats die Pläne des Erzbischofs. Viele stimmten mit ihm darüber ein, dass die ehrenamtlich Engagierten eine größere Wertschätzung verdient hätten. „Aber man will wohl die Ehrenamtler in die Wüste schicken,“ so ein Pfarrgemeinderatsmitglied aus Glehn. Ein aufgebrachter älterer Herr allerdings erlebte es als „Befreiung“, jetzt keine Posten mehr innezuhaben. Eine Dame ergänzte, man müsse Engagement und Aufgaben von Posten abkoppeln. Dem hielt Cornel Hüsch aus Hl. Dreikönige / St. Pius entgegen, es ginge nicht um „Pöstchen“, sondern um ein wichtiges Amt innerhalb der Gemeinde. Wenn jemand aus eigenem Antrieb von seinen Ämtern zurücktrete, sei das mit der Abschaffung von Ehrenamtlern nicht zu vergleichen. 

Laienarbeit stärken

Der Wunsch, die Laienarbeit zu stärken, war aus vielen Wortbeiträgen herauszuhören. Gerade angesichts des Priestermangels müsse man verstärkt auf die Mitarbeit von Laien setzen, auch in der Pastoral. Das Verhältnis von Klerikern zu Laien gehöre daher auf den Prüfstand. Eine engagierte Dame forderte, die Berufung jedes einzelnen Christen müsse beachtet ernst genommen werden, nicht nur die der Kleriker. Ähnlich äußerte sich Pfarrer Josef Ring aus Holzheim. Er plädierte dafür, das Bild des Priesters zu überdenken, beim Gottesdienst nicht nur die Eucharistie in den Mittelpunkt zu stellen. Auch Laien könnten gut an der Glaubensverkündigung mitwirken, Pastoralreferenten seien etwa theologisch genauso ausgebildet wie Priester. Pfarrer Wolfgang Vossen aus Weckhoven erkannte in den Plänen des Erzbistums jedoch gerade den „Versuch, priesterzentriert zu arbeiten“. Demokratische Teilhabe und Diskussionen mit Laien hingegen dienten dazu, am Ende das bestmögliche Ergebnis gemeinsam zu erreichen, gab Cornel Hüsch zu bedenken.
Dass davon ausgerechnet im Rahmen der jetzigen Planungen gar nichts zu spüren sei, gab der Referent Dr. Engels bereitwillig zu. Es werde vom Erzbistum bestimmt, Diskussionen seien nicht vorgesehen. Auch die Informationspolitik sei sehr schleppend.

Pfarrgemeinderäte erhalten
Ein deutlicher Appell ging an den Erzbischof: Zum Einen solle er den Gemeinden die Wahl zwischen den verschiedenen Möglichkeiten der Zusammenarbeit lassen, zum Anderen solle noch eine dritte Möglichkeit der Kooperation geschaffen werden. Dabei solle die Beibehaltung der bisherigen Pfarrgemeinderäte möglich sein. Jochen Goerdt, Kirchenvorstandsmitglied in der Neusser Gemeinde Heilig-Geist, sprach gar nicht mehr von einer Bitte, sondern einer „Forderung“ an die Bistumsleitung. 

Mut zum Querdenken!

Viel Zustimmung erhielt Pfarrer Marcus Bussemer, Kreisjugendseelsorger, für seine Aufforderung gegen Ende der Diskussion, man müsse „quer denken“, kreativ sein und vor allem für Begeisterung in der Kirche sorgen. Seine optimistischen und motivierenden Worte stimmten manchen hoffnungsvoll, nachdem zuvor wenig Positives gesagt worden war. Nicht ganz so optimistisch klang nach der Veranstaltung Pfarrer Ring. Er befürchtet, in Köln nicht einmal gehört zu werden.

Thomas Kaumanns, katholisch-in-neuss.de


Präsentation: Prognose der pastoralen Dienste (Msgr. Dr. Stefan Heße)

Präsentation: Perspektive 2011 - den Wandel gestalten (Prälat Hans-Josef Radermacher)