Ein Brief an Baumeister Wolbero

Ein Brief an Baumeister Wolbero
Während der Festmesse am 800. Jahrestag der Grundsteinlegung des Quirinusmünsters zu Neuss am Freitag, den 9.10.2009, 18 Uhr hielt Oberpfarrer Msgr. Guido Assmann die Predigt - er verlas einen Brief an den Baumeister des Münsters, Wolbero:

Lieber Meister Wolbero,
es drängt mich, Dir heute einen Brief zu schreiben. Wir haben uns bisher nicht persönlich kennen lernen können und eigentlich weiß ich auch nicht viel über Dich. Aber trotzdem, Dein Name ist den Menschen in Neuss sehr vertraut. Ich darf mich kurz vorstellen: Ich bin Msgr. Guido Assmann und seit Sommer 2007 Oberpfarrer des Quirinusmünsters. Den Titel Oberpfarrer wirst Du nicht kennen, den gab es vor 800 Jahren noch nicht, aber die Neusser führen diesen Titel für den Pfarrer der Kirche, die Du erbaut hast.

Ich schreibe Dir, weil wir uns heute in der Kirche zum Gottesdienst versammeln, die Du vor 800 Jahren geplant hast. Gerne hätte ich Dich heute dabei gehabt und viele hätten Dir heute wirklich gedankt, denn dein Bauwerk ist trotz seines Alters wunderschön!

Ich habe viel darüber nachgedacht, wie das wohl war vor 800 Jahren. Ich bewundere den Mut der 27 Stiftsdamen, die den Plan gefasst und das Geld besorgt haben, ihre bisherige alte Kirche niederzulegen und an gleicher Stelle ein solch großes Bauwerk zu errichten. Ich kann mir vorstellen, dass viele auf der Baustelle dabei waren, als am 9.Oktober 1209 der Grundstein gelegt wurde. Sicher haben die Menschen auf dem Markt, haben die Bauern und Händler aus dem Umland über die Baustelle gesprochen. Viele haben bestimmt gute Ratschläge eingebracht. Manche wussten bestimmt alles besser als Du. Das ist heute genau so, wie zu Deiner Zeit.
Wenn ich die Orgeltreppe hoch gehe, dann kann ich sehen, wie auch während des Baus noch umgeplant wurde. Ob es Dir nicht gefiel, was da von den Handwerkern errichtet wurde, ob es nicht mehr dem Zeitgeist entsprach oder haben andere ins Werk gepfuscht?
Einer musste die Fäden in der Hand halten, das warst Du, und auf der anderen Seite gab es die Geldgeber, gab es die Stiftsdamen. Sicher war Deine Position nicht immer leicht.

Lieber Wolbero,
die von Dir erdachte und geplante Kirche steht auch heute, nach 800 Jahren auf festem Grund, an der höchsten Stelle von Neuss. Die vielen Klöster gibt es leider nicht mehr, dafür sind in den letzten 100 Jahren manche neue Kirchen in Neuss dazu gekommen.
Hier und da hat sich Deine Kirche auch gewandelt. Der Helm auf dem Westurm und die Kuppel sind bei einem Blitzeinschlag 1741 zerstört worden. Im Geschmack der damaligen Zeit hat man sie neu errichtet. Ich glaube, das würde Dir auch gefallen. Uns Neussern gefällt es.

In der Zwischenzeit hat es viele Kriege gegeben. Brände, Überfälle, Zerstörungen. Aber immer wieder hat man Deine Kirche wieder repariert, verschönert, wieder hergestellt. Viele Architekten haben Dein Werk fortgesetzt. Gerade in den letzten 20 Jahren wurde noch mal kräftig gearbeitet. Die Farben leuchten wieder hell und schön. Wir alle sind allen dankbar, die mit dazu beigetragen haben, dem Rhein-Kreis Neuss, der Stadt Neuss, dem Erzbistum Köln, dem Kirchenvorstand von St. Quirin, manchen Stiftungen und vielen einzelnen Wohltätern.

Die Stadt Neuss ist gewachsen, lieber Wolbero, Du würdest sie kaum wieder erkennen. Aber wir Neusser sind Traditionsbewusst. Das Alte wird geehrt und gepflegt. Und daraus entspringt auch unsere Dankbarkeit für alle, die unsere Heimat geprägt haben, so auch Dir.

Inzwischen kommen zwar nicht mehr so viele Menschen als Pilger zum hl. Quirinus nach Neuss wie vor 800 Jahren, aber der hl. Quirinus wird weiterhin verehrt.
Die Stiftsdamen des Benediktinerinnenstiftes sind leider seit über 200 Jahren nicht mehr hier, aber seit dieser Zeit ist das Münster Pfarrkirche in der Mitte von Neuss. Mittlerweile gehören drei umliegende Kirchen mit dem Münster zu einer Gemeinschaft: St. Marien, hl. Dreikönige und St. Pius X. Diese Kirchen sind Zeugnisse des Glaubens der Menschen unserer Zeit.

Lieber Wolbero,
wenn die Mauern dieser Kirche erzählen könnten, ich würde sie gerne befragen. Sie atmen die Gebete der Abertausenden von Menschen, die jemals hier gebetet haben! Und das erfüllt mich als Pastor mit großer Freude. Täglich stehen die Türen offen und täglich kommen Menschen zum Gebet. Es vergeht kein Tag, an dem hier nicht gebetet wird. Und das ist doch das größte Lob für einen Sakralbau und auch für den, der ihn erdacht hat.
Wie viele Menschen haben ihre Kinder hierher getragen zur Taufe, wie viele verliebte Paare haben hier ihr Jawort gesprochen, wie viele Menschen haben hier ihre verstorbenen Angehörigen beweint? Die dicken Mauern haben all diesen Menschen Geborgenheit gegeben und die Gewissheit der Gegenwart Gottes.
Leider, lieber Wolbero, lebt unsere Gesellschaft heute nicht mehr selbstverständlich christlich. Viele haben den Glauben verloren oder kommen nur dann zum Gebet, wenn sie etwas bedrückt. Ich weiß nicht, wie es früher war, zu Deiner Zeit. Sicher gab es auch Menschen, denen Geld verdienen wichtiger war als die hl. Messe zu besuchen.
Wenn die Wände dieser Kirche sprechen könnten, so würden sie auch von den Gebeten des Pastors dieser Kirche erzählen.
Wie bedrängt mich die Sorge, dass immer weniger junge Männer den Ruf hören Priester zu werden. Noch mehr bedrückt mich, dass die Stimmung in den Gemeinden und Familien oft so ist, dass jemand, der eine Berufung in sich spürt, kaum auf Freude und Unterstützer stößt. Jammern und Klagen, ja, aber die Freude am Glauben kommt oft zu kurz.
Wie war das zu deiner Zeit, bestimmt haben die Mütter ihren Kindern von Gott erzählt, haben die Familien zu Hause gebetet. Ja, Wolbero, es freut mich, dass es solche Familien bei uns auch gibt, aber jedes Jahr, wenn die Erstkommunionvorbereitung beginnt, bin ich auch etwas traurig, denn viele kennen Jesus nicht mehr.
Unsere Kirche ist gespalten, das schmerzt. Wir haben, lieber Wolbero am Mittwoch einen beeindruckenden ökumenischen Gottesdienst gefeiert, das war aufbauend und schön. Dafür sind wir dankbar!

Aber die Frage bleibt: Wohin fährt das Schiff Kirche? Diese Frage stelle ich mir auch oft. Ich habe Freude am Glauben und bin gerne Priester dieser Kirche. Aber, der Wind weht uns heute oft ins Gesicht. Schaffen wir es, mit dieser Freude auch andere anzustecken? Schaffen wir es, das diese schöne Münsterkirche in 100 Jahren kein Museum, sondern auch dann noch täglich gefüllt ist mit Gebet? Die Baukunst ist weit fortgeschritten, Architekten, die die Kirche erhalten finden wir, aber wir brauchen Glaubenszeugen, die mutig und voll Tatkraft ans Werk gehen. Lieber Wolbero, bitte verstehe mich nicht falsch. Wichtiger als dieses Gebäude ist die lebendige Kirche. Und dafür möchte ich mich einsetzen. Dass Kinder und Jugendliche von Jesus hören. Dass Kranke durch die Sakramente gestärkt werden, dass in der Predigt der Glaube unverfälscht gelehrt wird und dass die Gegenwart Gottes am Altar gefeiert wird.

Gerne hätte ich Dich heute in Neuss dabei gehabt. Die Kirche ist voll und das Lob Gottes erklingt. Das Quirinusmünster würde heute lächeln, wenn es könnte. Das Alter hat seine Spuren hinterlassen, aber es steckt das Glaubenszeugnis von Generationen im faltigen Gesicht dieser Kirche.
Wenn ich zur Decke des Quirinusmünsters schaue, sehe ich viele goldene Sterne. Du hast geplant, dass wir hier aus dem Alltag heraus ein Stück des Himmels erleben. Den Bau dazu hast Du geschaffen.
Falls Du schon im Himmel angekommen bist, so stimme mit uns gemeinsam ein in den Lobgesang der Chöre des Himmels und der Erde.
Falls Du noch nicht dort angekommen bist, so wollen wir für Dich heute beten, ebenso für die Äbtissin Sophia und ihre Mitschwestern.

Lieber Wolbero,
wir sind dankbar für Dein Werk. An uns liegt es nun, die Kirche Jesu Christi in eine gute Zukunft zu tragen. Mit Gottes Hilfe wird das gelingen.
Das schreibt Dein dankbarer Pastor Assmann,
Oberpfarrer des Quirinusmünsters zu Neuss

Es gilt das gesprochene Wort!