Neuss: Erzbischöfliches Spee-Kolleg macht Flüchlinge fit für die Zukunft

Rami Juha (links) und Ranna Hamo besuchen mit Erfolg und Freude das Erzbischöfliche Friedrich-Spee-Kolleg in Neuss. Foto: TZ
Ranna Hamo (19), Jesidin aus dem Irak, und Rami Juha (21), Muslim aus Syrien, haben trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft eine Gemeinsamkeit: Im Erzbischöflichen Friedrich-Spee-Kolleg in Neuss werden sie fit gemacht für die Zukunft in Deutschland. Beide sind vor sechs beziehungsweise fünf Jahren mit ihren Familien vor den Kriegen in ihrer Heimat geflüchtet und am Rhein gut aufgenommen worden.
 
„Ich kann hier sehr gut lernen. Lehrer und Schüler sind klasse, ich bin erfolgreich und habe Spaß dabei“, sagt die in der Quirinusstadt schnell heimisch gewordene Ranna in bemerkenswert gutem Deutsch. Rami ist in der Sprache seines Gastlandes inzwischen nicht weniger bewandert. „Die Lehrer hier unterstützen uns wirklich bestmöglich, das ist ganz prima“, berichtet der junge Mann, der jetzt in Meerbusch lebt und nebenbei noch einen Mini-Job als Lieferant hat.
 
Nach Ausbruch der Flüchtlingskrise 2015 sah sich das Spee-Kolleg unter Leitung von Oberstudiendirektor Norbert Keßler vor eine hohe Nachfrage nach Angeboten für Geflüchtete gestellt. Dabei bot die Struktur des Weiterbildungskollegs mit dem sogenannten Vorkurs die Möglichkeit, außerhalb der zu einem Abschluss führenden Bildungsgänge Deutsch-Kurse einzurichten, was 2016 auch realisiert wurde.
 
Mit Nachlassen der Flüchtlingswelle ging auch die Nachfrage nach Deutsch-Kursen deutlich zurück beziehungsweise sie konnte von den kommunalen Anbietern erfüllt werden. Gleichzeitig schnellten aber die Wünsche nach Erlangung von deutschen Bildungsabschlüssen nach oben“, so Keßler. So kam eins zum anderen: 2017 bat Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki die Schulabteilung im Generalvikariat darum, zu prüfen, wie jungen, erwachsenen Geflüchteten vor allem mittlere Bildungsabschlüsse vermittelt werden könnten. Diese Frage beantwortete das Friedrich-Spee-Kolleg mit der Einrichtung der Abendrealschule, einer Schulform des zweiten Bildungswegs.
 
Die Bezirksregierung Düsseldorf genehmigte das Angebot, das in einem Jahr zum Hauptschulabschluss Klasse 9 und in einem weiteren Jahr zum Hauptschulabschluss Klasse 10 sowie zur Fachoberschulreife („Mittlere Reife“) führt. „Dieser Bildungsgang steht bei uns mit wenigen Ausnahmen nur Geflüchteten offen, um eine Konkurrenzsituation zum benachbarten Theodor-Schwann-Kolleg zu vermeiden“, stellt Oberstudiendirektor Keßler klar. Die Abendrealschule, in der entgegen ihres Namens tagsüber unterrichtet wird, wird seit ihrem Beginn stabil von rund 60 jungen Geflüchteten aus zehn bis 15 Nationen besucht, wobei Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak einen Schwerpunkt bilden.
 
Für die Geflüchteten wurde ein Schulsozialarbeiter eingestellt, der auch eine Ausbildung als Deutschlehrer mit dem Schwerpunkt „Deutsch als Zweitsprache“ besitzt und gleichzeitig Klassenlehrer ist. Dadurch ist eine durchgehende intensive Betreuung möglich. Die Stundentafel wurde dahingehend angepasst, dass ein besonderes Augenmerk auf die Vermittlung der Sprachkompetenz gelegt wurde.
 
Seitens des Erzbistums wird das Projekt großzügig unterstützt, und dies auch im finanziellen Bereich, beispielsweise durch die Übernahme von Fahrtkosten für die Studierenden oder die zusätzliche Anschaffung von Unterrichtsmaterial über den Etat für Lernmittelfreiheit hinaus. Der Bildungsgang hat 20 Wochenunterrichtsstunden an vier Tagen, in der Regel montags bis donnerstags.
 
„Die Geflüchteten werden voll in alle Einrichtungen und Möglichkeiten des Friedrich-Spee-Kollegs integriert. So nehmen sie etwa an den Erstsemester-Einführungstagen teil“, so Keßler. Wie selbstverständlich haben sie auch Zugriff auf das Beratungssystem mit Lehrkräften, Seelsorger und Sozialarbeiter. Nach Möglichkeit vermittelt das Kolleg auch Nachhilfeunterricht und – bei Notwendigkeit – ergänzende Deutsch-Kurse. Auf diese Weise werden pro Semester 20 bis 30 Abschlüsse erworben.
 
Nach erfolgreichem Erwerb der Fachoberschulreife können die Absolventen auch in den Kollegzweig eintreten und sich auf Fachhochschulreife und Abitur vorbereiten. Bereits 20 Studierende der Einrichtung kommen aus der Abendrealschule. Die ersten haben bereits die Fachhochschulreife erworben.
 
Startschwierigkeiten verschweigen Ranna Hamo und Rami Juha nicht. „Anderes Land, andere Sprache, andere Kultur – vieles war schon neu für mich. Aber ich habe mir Mühe gegeben, und es hat gut geklappt“, so Ranna, die anfangs mit ihrer Familie in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt hat. „Schwierigkeiten, in einer kleinen Wohnung mit fünf Personen zu lernen,“ räumt Rami ein. Gerade beim Online-Unterricht wegen der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, „dass es schwierig ist, wenn man keine Ruhe hat“.
 
Religiöse Barrieren erblicken die Beteiligten dagegen nicht. „Ich wollte immer etwas über Christen wissen und ihre Religion kennenlernen“, sagt Rami, der es denn auch völlig „okay“ findet, eine Stunde in der Woche Religionsunterricht zu haben. Er hatte sich nach seiner Ankunft in Deutschland in Leipzig bereits einer Vorbereitungsklasse in Deutsch angeschlossen, ehe er und seine Familie ins Rheinland zogen. Rami will nach seinem Hauptschulabschluss einen Beruf ergreifen und wird noch in diesem Jahr eine Lehrstelle als Fahrzeuglackierer antreten. Ranna, die zuvor schon die Gesamtschule an der Erft in Reuschenberg besucht hat, möchte dagegen nach der mittleren Reife weitermachen. „Erst einmal das Abitur, dann schauen wir mal“, sagt sie und lacht.