Pfarren vakant: Gläubige warten jahrelang auf Pfarrer

Leere Stühle - in den Gemeindeleitungen keine Seltenheit.
Leere Stühle - in den Gemeindeleitungen keine Seltenheit.
„Der Pastor“ – schaut man sich in den Gemeinden an Rhein und Erft um, ist man geneigt, ihn auf die „Rote Liste“ der vom Aussterben bedrohten Arten zu setzen; das gilt zumindest für die leitenden Pfarrer einer Pfarreiengemeinschaft. Immer mehr Gläubige und Gemeinden müssen immer länger ohne ihn auskommen.
 
Im Sommer verließ Pfarrer Wolfgang Vossen die Pfarreiengemeinschaft der „Apostelpfarren“ im Neusser Süden. Fortan wird er als Krankenhauspfarrer in Düsseldorf Dienst tun. Mit dem Weggang Vossens wandte sich der Personalchef des Erzbistums Köln an die Gläubigen vor Ort: „Obwohl wir der Besetzung der Pfarrstelle in Ihrem Seelsorgebereich eine hohe Priorität einräumen, wird die Nachbesetzung für einen langen Zeitraum nicht möglich sein“, so Pfarrer Stephan Weißkopf. Solch offene Worte sind in Personalangelegenheiten eher selten. Übersetzt bedeuten sie wohl, dass die Gemeinden bis zu zwei Jahre lang keinen leitenden Pfarrer haben werden. Dessen Aufgaben wird in der Zwischenzeit Pfarrer Dr. Klinkhammer neben seiner Tätigkeit als Pfarrer im Seelsorgebereich „Rund um die Erftmündung“ übernehmen. Allerdings wird sich seine Arbeit vorwiegend im organisatorischen Bereich abspielen. „Nicht alles kann einfach so weitergeführt werden und es lässt sich in dieser Zeit nicht alles auffangen“, bereitet Pfarrer Weißkopf die Gläubigen auf spürbare Einschnitte in der Pastoral vor.
 
Noch viel länger warten die Katholiken im Grevenbroicher Seelsorgebereich „Elsbach/Erft“ auf einen neuen Pfarrer. Bereits im März 2013 hat Pfarrer Willi Steinfort die Gemeinden verlassen. Nachdem zuletzt wieder ein Kandidat abgesagt hat, rechnet niemand mit einer Besetzung der Stelle vor Sommer 2015. Bis dahin führt Kreisdechant Msgr. Guido Assmann dort die Geschäfte, der aber zugibt: „Ich weiß, dass ich kein Ersatz sein kann für einen Pfarrer vor Ort und dass meine Zeit und Kraft, die ich in Grevenbroich einsetze, in Neuss-Mitte fehlt.“
 
In beiden Fällen kommt zum Fehlen eines Pfarrers hinzu, dass die Zeit der Vakanz immer einen gewissen Stillstand bedeutet: Ohne Rücksprache mit dem Generalvikariat dürfen keine für die Zukunft bindenden neuen Entscheidungen und konzeptionellen Veränderungen getroffen werden. Das gilt auch für Kirchenvorstände, Pfarrgemeinderäte und die Seelsorgeteams.
 
Woran liegt es, dass so viele Gemeinden keinen Pfarrer haben? Kenner der Kölner Kirche wissen, dass nicht nur der Priestermangel immer stärker spürbar wird. Sie wissen auch, dass immer weniger Priester bereit oder in der Lage sind, als leitender Pfarrer zu arbeiten. Viele Priester verzichten auf ihre Pfarrstellen, weil sie ausgebrannt oder ernsthaft erkrankt sind; der Krankenstand war selten so hoch wie derzeit. Zahlreiche Geistliche arbeiten lieber als Pfarrvikar (ohne Verwaltungstätigkeit) oder in der Sonderseelsorge (z.B. Jugend, Krankenhäuser). Die wenigen, die bereit sind die Leitung von Pfarrgemeinden zu übernehmen, stehen einer deutlich größeren Zahl von freien Stellen gegenüber und können faktisch „Rosinenpickerei“ betreiben, also ihren Arbeitsort auswählen.
 
Gut fünf Jahre nach der Umsetzung des Konzeptes „Wandel gestalten – Glauben entfalten“ wird also deutlich, welche Auswirkungen die Umstrukturierung der Gemeindeleitung hat – und zwar ganz konkret und auch vor Ort. Hinter vorgehaltener Hand hört man in Kirchenkreisen schon Forderungen, die Notbremse zu ziehen und die Veränderungen rückgängig zu machen. Ob es dazu kommt? Eine der vordringlichen Aufgaben des neuen Kölner Erzbischofs wird jedenfalls sein, dieses Thema aufzugreifen.