Neusser Augustinus Forum: Papst Leo XIV. hat den Vorwärtsgang eingelegt
12.06.2026
Wofür steht Papst Leo XIV. – und welche Impulse setzt er ein Jahr nach seiner Wahl? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das gut besuchte Augustinus Forum in Neuss. Unter dem Titel „Der Papst im Vorwärtsgang?“ diskutierten die ehemalige Bundesministerin und Vatikan-Botschafterin Annette Schavan, der Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, Stefan von Kempis, sowie Moderator Ingo Brüggenjürgen über die ersten Akzente des neuen Pontifikats.
„Leo XIV dürfte jetzt gerne noch ein wenig mehr aus sich rauskommen!“, analysierte Stefan von Kempis gleich am Anfang. Der Chefredakteur der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan war der Einladung des Augustinus Forums nach Neuss gefolgt um zusammen mit Annette Schavan eine Bilanz nach gut einem Jahr Amtszeit von Papst Leo XIV. zu ziehen. Über 400 Besucherinnen und Besucher zeigten auch in Neuss, dass der Papst und seine Stimme in der Welt nach wie vor auf großes Interesse stößt und gehört werden will.
Der Chefredakteur von Radio Vatikan hatte noch am Vortag die Rede des Papstes vom spanischen Parlament in Vatican News kommentiert und gilt, ebenso wie die Annette Schavan als ausgewiesener Insider, wenn es um die Spitze der katholischen Kirche geht. Die Stimmung im Vatikan innerhalb der Kurie habe sich mit Leo XIV. spürbar verändert. Der erste Amerikaner auf dem Heiligen Stuhl sei sehr gewinnend und professionell unterwegs. Er sei gut verankert in der Kurie, ein mehrsprachig begnadetet Kommunikator, der gleichzeitig in der Welt besten vernetzt sei und in allen Erdteilen durch seine Arbeit für die Kirche schon persönliche Erfahrung gemacht habe. Auch die in Neuss aufgewachsene Annette Schavan zeigte sich sehr erfreut über das Pontifikat und den Verlauf im ersten Jahr. „Leo XIV. ist natürlich nicht Franziskus, aber das ist auch gut so. Er greift auf der einen Seite die Punkte seines Vorgängers auf – setzt aber sehr gut auch seine ganz eigenen Akzente!“
Die ehemalige deutsche Botschafterin beim Vatikan analysierte dann gewohnt klar die derzeitige unruhige Weltlage und spannte kundig den großen Bogen bis zur Situation der Kirchen in Deutschland. In einer stark sich verändern Welt, in der immer mehr Autokraten und Populisten auf Macht und Gewalt setzten, würde Leo konsequent die Stimme Jesu entgegensetzen. Sein Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung sei heute notwendiger als je zuvor. Schavan betonte, schon das erste Amtsjahr und seine ersten Auslandsreisen hätten doch klar gezeigt, dass Leo XIV. eine Stimme wäre, die weltweit auch von vielen Nicht-Christen gerne gehört würde. Deutlich wurde im Verlauf des Abends auch die größere weltpolitische Einordnung. Schavan zeichnete ein Bild einer Zeit, in der viele Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte ins Wanken geraten. Entwicklungen hin zu mehr Demokratie, internationaler Zusammenarbeit und gemeinsamen globalen Zielen würden zunehmend brüchig, während autoritäre Tendenzen weltweit an Bedeutung gewännen. In dieser Situation komme dem Papst als globaler Stimme eine besondere Rolle zu. „Es gibt keine zweite Organisation, die weltweit so präsent ist und für Dialog und Verständigung eintritt“, betonte sie.
Innerkirchlich sehen die Gesprächspartner einen Papst, der auf Ausgleich setzt. Leo XIV. wolle Spannungen zwischen Reformern und Traditionalisten nicht zuspitzen, sondern zusammenführen. Dabei spiele auch seine Erfahrung aus dem Augustinerorden eine Rolle, in dem er einen kollegialen Führungsstil geprägt habe.
Schavan ermutigte die deutschen Christen, ihre Positionen nicht überheblich, aber doch mit dem genügenden Selbstbewusstsein in den Dialog der Weltkirche zu bringen: „Eine gute Theologie aus Deutschland hat der Weltkirche doch noch nie geschadet“, verwies die Kirchenexpertin auf den Einfluss der deutschen Kardinäle u.a. beim 2. Vatikanum. Mehrmals wurde Schavans kämpferischer Einsatz für die Positionen des deutschen Synodalen Weges vom Publikum mit Applaus unterbrochen – ob es um die Rolle der Frauen in der Kirche oder um den Zölibat ging: „Wir dürfen uns doch nicht einreden, dass die Ehelosigkeit der Priester zur Gründungsgeschichte der Katholischen Kirche gehört! In den ersten tausend Jahren der Kirchengeschichte war das doch nur eine besondere Lebensform für einige Ordensleute!“ bekräftigte die Bundesministerin a.D. gewohnt engagiert.
Beide Kirchenexperten auf dem Podium beim Augustinus Forum beantworten die Fragen von Moderator Ingo Brüggenjürgen in Bezug auf die Chancen des Papstes und seine vermutlich doch etwas längere Amtszeit sehr einmütig. Leo XIV. bringe eigentlich alles mit, was es für das Amt an der Spitze von mehr als 1. Milliarde Katholiken in aller Welt brauche. Welt und Kirche ständen derzeit vor enormen Herausforderungen und es sei einfach noch zu früh eine klare Prognose für die weiteren Amtsjahre abzugeben. Es gäbe aber immer wieder Mut machende Signale: Von der ersten Enzyklika des neuen Papstes bis zu seiner klaren Abgrenzung gegenüber Donald Trump, der dem Iran eine Auslöschung der ganzen Zivilisation angedroht hat. Beide kirchlichen Insider signalisierten aber zugleich, dass es noch einige weiße Flecken gebe und dass der Papst da zukünftig auch klarer Position beziehen müsse. Sein bisheriges Wirken auf dem Stuhl mache aber Mut.
Gesehen wurde die langfristige Ausrichtung seines Pontifikats. Statt schneller Entscheidungen setzt Leo XIV. offenbar auf Beobachtung und Struktur. „Er geht eher wie ein Marathonläufer vor“, sagte Schavan. Von Kempis ergänzte, der Papst wisse, „was er will, zeigt es aber nicht in jedem Punkt sofort“.
Mut machend war auch das, was der Chefredakteur von Radio Vatikan Stefan von Kempis so ganz nebenbei den Zuhörer noch mit auf den Weg gab: Er würde sich wundern, wenn der Papst nicht schon vielleicht im nächsten Jahr nach Deutschland käme. Bis es so weit ist, können nicht nur die Christen in den deutschen Landen die Ermutigung von Annette Schavan beherzigen, und die Pfarrer und Gemeinden an der Basis einfach mal machen lassen: „Die wissen doch am besten, was vor Ort richtig und wichtig und es muss nicht immer alles in Rom entschieden werden!“ Der Applaus der Besucher zeigte am Ende sehr deutlich, wie gut diese Mut machende Worte in Neuss ankamen und brachten ebenso zum Ausdruck, dass die Veranstalter des Augustinus Forum unter der Verantwortung von Cornel Hüsch und Dr. Michael Schlagheck mit der Besetzung des Podiums die richtige Wahl getroffen hatten.